35. Prozesstag

35. Prozesstag, 11. Januar 2008 // 9.00 – 11.00 Uhr

„Wie soll ich das beschreiben: Wahnsinn, schlimm. Ich weiß nicht, ob man dafür Worte finden kann.“

Tatortermittler im Zeugenstand // Prozesstag ausgesetzt wegen Krankheit

Am 35. Verhandlungstag sind insgesamt 4 Zeugen geladen. Das Gericht vernimmt zunächst den 42jährigen Kriminalpolizisten Gunther St. Der Beamte gibt an, bis zum Ende 2007 beim Kriminaldauerdienst (KDD) der Polizeidirektion Dessau-Roßlau gearbeitet zu haben. Jetzt sei er zur Autobahnpolizei gewechselt. „Ich bin zuständig für den ersten Angriff.“, beschreibt der Befragte sein Aufgabengebiet in seiner Abteilung und meint damit die Erstsicherung eines Tatortes.

Am 07. Januar 2005 habe er einen Anruf bekommen. Er wisse jedoch nicht mehr genau von wem. Vermutlich vom Kommissar vom Lagedienst (KvL). Der habe gesagt: „Dort brennt es.“ Er sei dann unmittelbar mit seinem Kollegen Do. von der Polizeidirektion in der Kühnauer Str. zum Polizeirevier gefahren. Er schätzt heute ein, dass sie etwa 5 Minuten nach dem Anruf in der Wolfgangstrasse angekommen seien. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Manfred Steinhoff sagt der Zeuge zum Zeitpunkt des Anrufes: „Es war unmittelbar nach Dienstbeginn.“ Dies müsse in der Zeit zwischen 12.30 und 13.00 Uhr gewesen sein.
Bei seiner Ankunft im Revier habe er die Feuerwehr gesehen. „Es war jede Menge Polizei aus dem Revier im Hof.“, erinnert sich St. weiter. Er könne sich nicht mehr im Detail an einzelne Beamte erinnern. „Ich kannte sie alle“, so der Zeuge. „Ich kann mich noch an den Revierleiter erinnern“, konkretisiert der 42jährige auf Nachfrage.

„Als wir kamen hat man gerade versucht, ich glaube es war die Feuerwehr, ein Fenster von der Zelle einzuschlagen.“, schildert er seine diesbezüglichen Wahrnehmungen. Er könne heute nicht mehr sagen, wer die Türen zum Zellentrakt geöffnet und die entsprechenden Schlüssel besorgt habe. Richter Steinhoff möchte nun wissen, wann, mit wem und in welcher Situation der Zeuge in den Zellentrakt gegangen sei. „Aus dem Revier ist, glaube ich, keiner mit runter.“, so St. Er sei zusammen mit seinem Kollegen vom KKD in den Keller gegangen. Zu diesem Zeitpunkt hätten sich keine weiteren Personen dort aufgehalten. „Dann haben wir das auch gesehen.“, schildert er seinen ersten Eindruck vom Brandort. Der Zeuge sagt außerdem: „Dann kam die Weisung, dass der Flur nicht mehr betreten werden darf“. Ihm und seinem Kollegen wäre mitgeteilt worden, dass nun die Polizeidirektion Stendal und die Tatortgruppe (mehr dazu hier…) des Landeskriminalamtes für die Ermittlungen zuständig wären. „Es wurde gesagt die Tatortgruppe kommt, dass hieß für uns: Finger weg!“, so der Zeuge. „Ich glaube, ich habe ein oder zwei Übersichtsaufnahmen gemacht.“, so der Kriminalbeamte auf die Frage, ob er im Zellentrakt Fotos angefertigt habe. Allerdings ist er sich in dieser Frage zunächst nicht sicher: „Ich kann mich persönlich nicht mehr erinnern, etwas fotografiert zu haben.“ Er wisse aber noch genau, dass zusammen mit der Tatortgruppe `ein Fototrupp` eingetroffen sei.

Nun erfolgt eine Inaugenscheinnahme der womöglich vom Zeugen angefertigten Foto`s am Richtertisch. Hierbei gibt er an, beim Betreten der Zelle nichts verändert oder hochgenommen zu haben. „Das Fenster was von außen eingeschlagen wurde, war nicht die Zelle wo er (Oury Jalloh; Anm. d. Red.) drin lag, sondern das daneben, glaube ich“, so der Beamte. Decken oder Feuerlöscher g habe er im Flur des Gewahrsamstraktes keine herumliegen gesehen. „Ich denke mal, eine Stunde hat das schon gedauert.“, so St. zur Frage, wie lange die Feuerwehr gebraucht habe, um aus der Zelle Fünf den Rauch abzuleiten. Die von ihm womöglich gefertigten Bilder, könnten also eine Stunde nach dem Brand entstanden sein. Steinhoff fragt nun, mit welchen Beamten er vor Ort gesprochen habe. „Ich habe an diesem Tag garantiert mit dem Revierleiter gesprochen.“, so der Zeuge. Dabei sei es aber nicht um die Frage gegangen, warum Oury Jalloh in die Zelle gekommen sei. Vielmehr hätte sich das Gespräch um „organisatorische Fragen“ gedreht. Außerdem erinnert er sich: „Ich weiß noch, auf jeden Fall mit Dr. P., der gerufen wurde um den Tod festzustellen, gesprochen zu haben“.

Oberstaatsanwalt Christian Preissner setzt die Zeugenbefragung fort. „Es brennt im Revier und es sind Löscharbeiten“, so der Zeuge zur Frage, mit welchen Informationen er und sein Kollege sich auf den Weg gemacht hätten. In dem Telefonat sei keine Rede davon gewesen, dass ein Mensch in der brennenden Zelle sei. Das habe er erst im Revier von anderen Beamten erfahren. Preissner fragt leicht irritiert nach, warum er von seinen Tätigkeiten am 07. Januar 2005 im Revier keinen schriftlichen Bericht gefertigt habe. „Es wurde keiner abgefordert“, so der Zeuge. „Sie waren doch im Einsatz, das ist eigentlich schade“, so der Oberstaatsanwalt dazu. „Soweit das ich fotografieren konnte, so um die 2 Meter“, so der 42jährige auf die Frage, wie weit er in die Zelle Fünf hinein getreten sei. „Mir ist aufgefallen, dass er an vier Stellen angebunden war und die Matratze stark verbrannt war“, äußert er sich zu Wahrnehmungen seinerseits. Preissner möchte wissen, was er und sein Kollege nun konkret im Zellentrakt gemacht hätten: „Die Fotos haben wir gemacht und sonst eigentlich nichts weiter“. Er sei mehrmals im Gewahrsam gewesen, aber nie für längere Zeit: „Da das sehr unangenehm war durch den Rauch, garantiert nur minutenweise“.

Er könne sich erinnern, dass er auch Kollegen der Polizeidirektion Dessau vom Fachkommissariat 2 in den Trakt begleitet habe. Wer diese Kollegen gewesen seien, wisse er nicht mehr genau. „Vielleicht der Herr Rei.“, so der Befragte. Außerdem gibt er an, dass er und sein Kollege im Wechsel die Tür zum Zellentrakt bewacht hätten um sicherzustellen, dass niemand den Gewahrsam betrete. Er habe die Tatortgruppe des Landeskriminalamtes, die `Videogruppe` und die `Kollegen aus Stendal` eingewiesen und ihnen den Tatort gezeigt. Außerdem habe ihm der Revierleiter Gerald K. gesagt, dass er „dienstliche Unterlagen“ habe sicherstellen lassen. Er persönlich habe diese Dokumente aber nicht zu Gesicht bekommen. Er könne sich an 3 bis 4 Kollegen der Polizeidirektion Stendal erinnern, sie jedoch namentlich nicht zuordnen. „Es war Trubel, es war so viel“, sagt der Zeuge zur abschließenden Frage Preissners, ob er sich sonst an etwa außergewöhnliches erinnern könne.

„Beim ersten Mal sind wir alleine runtergegangen.“, ist sich der Zeuge sicher und antwortet damit auf die erste Frage der Nebenklagevertreterin Regina Götz. Er wäre zunächst nur mit seinem Kollegen in den Zellentrakt gegangen. Götz will von ihm nun wissen, ob er sich explizit daran erinnern könne, Fotos angefertigt zu haben. „Ich erinnere mich nicht, aber die Fotos können nur von mir sein.“, sagt St. „Ich denke mal ja, aber wissen tue ich es nicht mehr.“, antwortet der Beamte auf die Frage, ob die hintere Tür im Zellentrakt, die zum Hof führt, später wieder verschlossen worden sei.

Regina Götz hält dem Zeugen nun eine Aussage des Beamten Hans-Jürgen B. (mehr dazu hier…) vor. Der hatte in der Hauptverhandlung ausgesagt, dass sehr wohl viele Beamte des Reviers nach dem Brand im Zellentrakt gewesen seien und er auf Anweisung eine Liste dieser Polizisten erstellt habe. Dazu kann der heutige Zeuge nichts sagen. „So wie sie sich anhören, wäre das lückenlos bewacht worden.“, sagt Götz auf diese Reaktion. „Ich denke zwei Personen“, so der 42jährige Beamte zur Teamstärke der Kollegen vom Fachkommissariat 2, die er in den Zellentrakt geführt habe. Er könne jedoch nicht sagen, was konkret diese Polizisten dort getan hätten: „Das ich sie bis zur Tür begleitet habe, weiß ich“. Diese wären allerdings nur kurz im Trakt geblieben. Zu diesem Zeitpunkt wäre schon klar gewesen, dass die Beamten der PD Stendal die Ermittlungen übernehmen würden. Später sei dann die Tatortgruppe angerückt. Diese habe aus zwei Ermittlern und einem Fotografen bestanden. „Das kann ich nur schätzen, so zwischen 15 und 16.00 Uhr“, so der Zeuge zur Ankunft der Tatortgruppe. „Der Zeuge Hei. (mehr dazu hier…) sagt, da standen zwei Kollegen im Hof, das ist etwas anderes, als das was sie sagen. Sie sind sich aber sicher, dass sie in der Tür standen?“, sagt Regina Götz und spielt damit auf den Standort bezüglich der Tatortbewachung an. Gunther St. bestätigt, dass er mit seinem Kollegen direkt an der Tür gestanden habe. „Von der Erinnerung her schätze ich, dass sie kurz nach der Tatortgruppe kamen“, so der Zeuge zur Ankunft der Beamten aus Stendal. Er könne sich nicht erinnern, in der Zelle eine Pfütze gesehen zu haben. Er wisse zudem nicht mehr genau, wann Dr. P. gekommen sei.

„KDD, erster Angriff, was bedeutet das? Ich kann mir darunter nicht vorstellen“, beginnt Rechtsanwalt Felix Isensee die Befragung des Beamten. Es ginge darum, sich einen ersten Überblick zu verschaffen, Spuren zu sichern und Zeugen zu befragen. „Mit kleinen Sachen schon“, so der 42jährige auf die Frage Isensees, ob er schon Erfahrungen mit Brandtatorten habe. In diesem Fall habe er aber keine Spuren gesichert. „Wir haben so etwas, aber wir haben das dort nicht eingesetzt“, antwortet er auf die Frage, ob sie die Zelle Fünf auf das Vorhandensein von Brandbeschleuniger untersucht hätten. „warum nicht?“, will Isensee wissen. Sie hätte am 07. Januar 2005 das entsprechende Equipment überhaupt nicht mit gehabt, dass passe in der Regel nicht ins Auto. Bei Bedarf könne das aber aus der PD geholt werden.

„Weil wir an diesem Tag eigentlich nicht tätig waren.“, begründet der Beamte seine Entscheidung, von seiner Tätigkeit im Polizeirevier keinen Bericht zu fertigen. Wieso der Zeuge die Kollegen des Fachkommissariats 2 der Polizeidirektion Dessau noch runter in den Zellentrakt geführt habe, obwohl bereits klar gewesen sei, dass Stendal für die Ermittlungen zuständig sei, will Rechtsanwalt Isensee wissen. Diese hätten demzufolge doch keinen Zutritt zum Tatort mehr haben dürfen. „Dazu kann ich nichts sagen.“, so der Befragte daraufhin. Die Beamten seien kurz nach ihm aus dem Gewahrsamstrakt wieder hochgekommen.

„Wie soll ich das beschreiben: Wahnsinn, schlimm. Ich weiß nicht, ob man dafür Worte finden kann.“, so der Beamte zu seinen damaligen Eindrücken beim Anblick der Leiche. Außerdem habe er in der Zelle „einen beißenden Geruch“ feststellen können. „Hat es nach Spiritus gerochen“, hakt Isensee nach. „Ich kann nicht mehr sagen, da hat es so gerochen oder da hat es so gerochen“, antwortet der Befragte. „Der hat mit Sicherheit gefilmt, fotografiert oder umgekehrt, aber ich war nicht dabei“, sagt er zu möglichen Dokumentationen der Tatortgruppe. „Ich frage sie deshalb, weil sie 6 oder 7 Stunden vor Ort waren und keinen Bericht gemacht haben, das kapiere ich einfach nicht. Dafür gibt es keine Erklärung?“, so der Nebenklagevertreter. „Nein“, so der Befragte dazu.
Ulrich von Klinggräff möchte vom Zeugen wissen, was er, obwohl die PD Dessau nicht für die Tatortermittlung zuständig gewesen wäre, zusammen mit seinem Kollegen im Zellentrakt überhaupt gemacht habe. „Unsere Aufgabe war es sicherzustellen, dass da nichts mehr verändert wird.“, so der 42jährige. „Ich denke wo wir die Fotos gemacht haben, wusste ich schon das wir den ersten Angriff nicht machen werden.“, konkretisiert der Zeuge. Er habe sich dennoch dafür entscheiden, die Fotos zu machen: „Weil an diesem Tag alles verrückt war. Dann ist das wenigstens gesichert.“ Der Rechtsanwalt will wissen ob es nicht üblich sei, den ersten Angriff akribisch zu dokumentieren. „Wir haben gedacht, die Kollegen aus Stendal schreiben das mit, die Kollegen der Tatortgruppe schreiben das auf“, so der Beamte. „Vielleicht war das in der Zeit, als die Tatortgruppe schon gearbeitet hat.“, antwortet er auf die Frage, wie er sich die Aussage des Kollegen Hans-Jürgen B. erklären könne. „Das passt doch nicht zusammen mit der Aussage B., oder sehe ich das falsch?“, so Klinggräff. „Ich denke, der ist ständig zwischen Auto und Zelle hin und her“, sagt der Befragte zur Tätigkeit des Beamten der Tatortgruppe, der den Brandort gefilmt und fotografiert habe.

„Wenn ich am Tatort bin, muss ich selbst entscheiden.“, sagt Gunther St. zur Frage des Rechtsanwaltes Teuchtler, ob er bezüglich der Weisung, dass die Kollegen aus Stendal die Ermittlungen führen würden, einen Spielraum gehabt hätte. „Das war nicht außerhalb des Auftrages, dass habe ich als Service empfunden.“, so der Zeuge zu seinen Einweisungstätigkeiten für die Tatortgruppe und die PD Stendal. Er könne sich nicht erinnern, in der Zelle Löschwasser gesehen zu haben. „Das bestimmt nicht, dann hätte ich die Feuerwehr gerufen.“, sagt er zur Frage, ob er beim Betreten der Zelle noch ein „Glimmen“ oder „Glühen“ gesehen habe.

Nach einer 30minütigen Pause kündigt Richter Steinhoff plötzlich an, dass die Verhandlung für heute auf Grund einer Krankheit eines Schöffen beendet ist.

Bevor die Prozessbeteiligten den Saal 118 des Landgerichts verlassen, entspannt sich noch einmal eine Debatte um den weiteren Prozessverlauf. „Ich denke schon das es notwendig ist, Herrn Kö. (mehr dazu hier…) und Frau Beate H. (mehr dazu hier…) noch einmal zu vernehmen“, sagt Ulrich von Klinggräff. Gerade Kö sei eine „wichtige Figur“. Klinggräff regt an, diese beiden Beamten noch während des Zeugenprogramms zu hören. Manfred Steinhoff präferiert da eine andere Strategie. Er will zunächst die noch außenstehenden Zeugen hören, dann die Sachverständigen laden und zum Schluss Kö. und Beate H. nochmals in den Zeugenstand rufen.

Prozessbeobachtergruppe: http://www.prozessouryjalloh .de

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