54. Prozesstag

15. Oktober 2008 // 9.30 – 13.15 Uhr

„Wenn mich jemand darauf anspricht, hab ich das nicht gesagt.“

zweiter Dursuchungsbeamter Oury Jallohs wird nochmals vernommen / Dienstgruppenleiter wird zu vermisstem Feuerzeug befragt

Der 54. Prozesstag in der Verhandlung um den Feuertod Oury Jallohs in der Dessauer Polizeizelle beginnt zunächst mit einer Verspätung von 30 Minuten. Nachdem die Nebenklage 9.30 Uhr vollständig ist beginnt der Verhandlungstag. Der vorsitzende Richter Manfred Steinhoff verkündet zunächst, bereits Kontakt mit Prof. Dr. Bohnert von der Universität Freiburg gehabt zu haben. Dieser habe den Prozessverlauf verfolgt und habe zugestimmt, ein neues medizinisches Gutachten hinsichtlich Todeszeitpunkt und –ursache zu erbringen. Er bekomme die Prozessakte diese Woche noch zugesandt.

Nun betritt der erste Zeuge, der pensionierte Polizeibeamte Udo S., den Verhandlungssaal. Der Zeuge erscheint in Begleitung eines Rechtsanwalts. Die Personalien sind die selben, wie bei seiner letzen Vernehmung vor dieser Kammer, „nur inzwischen nicht mehr im Dienst?“, so Richter Steinhoff. „Ja richtig im Ruhestand.“, bestätigt der Zeuge. Er wird von Steinhoff eindringlich belehrt, dass er sich nicht selbst belasten müsse mit seinen Aussagen, genauso wie es aber auch möglich sei, dass er bereits getätigte Aussagen berichtigen könne, um einem Meineid zu entgehen.

Zunächst fragt der Vorsitzende, ob Udo S. zu seinen bisherigen Ausführungen in dieser Verhandlung (mehr dazu hier…) noch Ergänzungen habe. Hierzu unterredet er sich kurz mit seinem Rechtsanwalt. Oberstaatsanwalt Christian Preissner fragt nun, ob der Rechtsvertreter die zurückliegende Aussage des Zeugen kenne. Der Anwalt verneint dies und stellt dar, dass der Zeuge sich erst drei Tage zuvor an ihn gewendet habe. Als der Anwalt den Kammervorsitzenden angerufen habe, um die Akte einzusehen, sei ihm lediglich gesagt worden, dass der aktuelle Erkenntnisstand im Internet unter ouryjalloh.wordpress.com einsehen könne.

„Dann wird es am besten sein, sie stellen konkrete Frage.“

Richter Steinhoff sagt eingangs ganz klar, er ist nicht gewillt, den Zeugen noch weiter „anzufüttern“. Rechtsanwalt Koch meint, er habe sich mit seinem Mandanten unterhalten und dieser wolle aussagen. Der Vorsitzende wolle lediglich kein „Rumgeeiere“, wie „Kann sein – oder – Ich weis nicht.“ In der bisher erfolgten Aussage des Zeugen Udo S. „fehlt ein ganzer Block“ meint Steinhoff. „Dann wird es am besten sein, sie stellen konkrete Frage.“, so der Zeugenbeistand Koch.

„Das klingt doof: Ich kann mich nicht erinnern.“
„Wenn sie mir hier sagen, sich an nichts zu erinnern, glaub ich ihnen das nicht – so knallhart.“

Der Kammervorsitzende will zunächst wissen, ob S. nach dem Tod Jallohs ein Gespräch mit dem Angeklagten Ullrich M. geführte habe, indem M. ihm mitgeteilt hätte, dass dieser sein Feuerzeug an diesem Tag vermisst hätte. „Das klingt doof: Ich kann mich nicht erinnern.“, erwidert der pensionierte Polizeibeamte. „Sie sind derjenige, der mit vor Ort war – Oury Jalloh mit ins Revier gebracht hat. Es hat sie direkt betroffen.“, so Richter Steinhoff. Und weiter: „Da kann man ein solches Gespräch nicht einfach vergessen.“ „Wenn sie mir hier sagen, sich an nichts zu erinnern, glaub ich ihnen das nicht – so knallhart.“, meint der Vorsitzende.

„Wenn mich jemand darauf anspricht, hab ich das nicht gesagt.“

Steinhoff macht nun zunächst einen Vorhalt aus der Aussage des Zeugen Frank St., wonach Udo S. in einem Gespräch mit diesem gemeint habe: „Wenn mich jemand darauf anspricht, hab ich das nicht gesagt.“ An ein Gespräch mit St. könne sich der Zeuge nicht erinnern. „Mit dem meide ich eigentlich das Gespräch.“, gibt der Zeuge zu Protokoll. „Da kann ich ihnen nicht weiterhelfen.“, erwidert Udo S. auf weitere Vorhalte hinsichtlich des Gesprächsverlaufes zwischen dem Dienstgruppenleiter Frank St. und ihm selbst. Die Frage, wer an diesem Tag das Dienstfahrzeug gefahren sei beantwortet der pensionierte Beamte ebenfalls unwissend: „Da fragen sie mich zu viel, das kann ich ihnen heute nicht mehr sagen.“

„Wir haben uns natürlich unterhalten: ‚Wer kann denn eins verloren haben? Irgendwie muss es ja dahin gekommen sein.‘“

Manfred Steinhoff bringt seinen Unmut darüber zum Ausdruck, dass er nur sehr schwer nachvollziehen könne, dass der Zeuge sich an nichts erinnern könne, da es diesen direkt betreffe und in diesem Zusammenhang auch ein Verfahren gegen ihn geführt worden sei. „Über alles haben wir uns unterhalten.“, so der Zeuge, über den Ablauf des 07.Januars 2005, Oury Jalloh und auch das Feuerzeug. „Wir haben uns natürlich unterhalten: ‚Wer kann denn eins verloren haben? Irgendwie muss es ja dahin gekommen sein.‘“, gibt Udo S. an.

Die wichtige Frage dabei ist, so stellt Steinhoff klar, ob der Angeklagte M. sich ein neues Feuerzeug gekauft habe, denn dann müsse er auch eins verloren haben. Ob M. an diesem Tage oder generell seine Dienstlederjacke getragen habe, wisse der Befragte heute nicht mehr. Auf die Frage, wo Ullrich M. seine Zigaretten aufbewahre, gibt Udo S. zu Protokoll: „immer griffbereit“ und deutet mit der Hand in Richtung Brusttasche.

„Der hätte ja mal das Maul aufmachen können.“

Oberstaatsanwalt Christian Preissner befragt den Zeugen nun zu dem genannten Gespräch zwischen Dienstgruppenleiter St. und Udo S.. Dieses solle am 24. Januar 2005 stattgefunden haben und St. habe den Sachverhalt im Juni 2008 bei der Staatsanwaltschaft zu Protokoll gegeben. Preissner hält dem Zeugen dessen eigne Staatsanwaltliche Aussage vor, wonach er sich gefragt habe, was St. für solche Darstellungen für einen Anlass gehabt habe. Er habe damals ausgesagt, dass er sich nicht mehr erinnern könne, denke Frank St. wolle drei Jahre nach dem Tod Jallohs mit etwas „glänzen“ wolle und sich etwas zusammen reime. „Der hätte ja mal das Maul aufmachen können.“, erwidert der Zeuge daraufhin.

„Erinnern Sie sich, wie sie erfahren haben, dass gegen sie selbst ermittelt wurde?“

„Andere Frage: Erinnern Sie sich, wie sie erfahren haben, dass gegen sie selbst ermittelt wurde?“, so Nebenklagevertreterin Regina Götz zum Zeugen. „Kann ich ihnen nicht sagen.“, antwortet dieser mehrfach darauf, Kenntnis habe er aber davon gehabt. Es sei ihm gesagt worden, er solle sich einen Anwalt besorgen, wer ihm das gesagt habe, wisse er nicht mehr.

„Ich habe ihn nicht wieder kontrolliert, das weis ich hundertprozentig und der Ulli, wenn ich mich richtig erinnere, auch nicht.“

„Ich habe ihn nicht wieder kontrolliert, das weis ich hundertprozentig und der Ulli, wenn ich mich richtig erinnere, auch nicht.“, so Udo S. auf eine entsprechende Frage der Nebenklägerin Götz. Dies sei auch noch im Gewahrsamsbuch von damals nachvollziehbar. Aus taktischen Gründen hätte er darum gebeten, dass sie als „emotionale Beteiligte“ Jalloh nicht hätten kontrollieren sollen, da sie bereits mit dessen Verbringung ins Revier, Durchsuchung und Fixierung befasst gewesen seien.

„Ich weis nicht mehr, was ich vor meinem Kantinenbesuch gemacht habe.“

Regina Götz will vom Zeugen wissen, wann er erste Kenntnisse vom Brand am 07. Januar 2005 im Polizeirevier gehabt habe. Der Zeuge gibt zu Protokoll, dass er aus der Kantine gekommen sei und dann dunkle Wolke wahrgenommen habe. Vor dem Kantinenbesuch hätte er im Büro Schreibarbeiten erledigt, gibt er auf eine entsprechende Frage von Götz zunächst zu Protokoll, relativiert aber im selben Atemzug diese Aussage mit den Worten: „Ich weis nicht mehr, was ich vor meinem Kantinenbesuch gemacht habe.“ Götz verwundert: „Ich dachte es war so: Nach den Schreibarbeiten sind sie nochmal auf Streife gefahren und dann in die Kantine gegangen. Zum Mittag haben sie dort eine Bockwurst gegessen.“ Darauf entgegnet der Zeuge nichts. Von dem Gespräch um das Feuerzeug vom Angeklagten Ullrich M. habe Zeuge Udo S. erstmals am letzten Donnerstag gehört: „Hättest du mich damals mal richtig gefragt.“, habe S. darauf erwidert.

„Da kann ich Ihnen nicht helfen.“
„Ich glaube schon, dass sie uns da helfen können. Denken Sie an Ihre Pensionsbezüge.“

Auch Nebenkläger Felix Isensee hält dem Zeugen nochmals Aussagen des Dienstgruppenleiters Frank St. vor. Der Zeuge erwidert nun, dass in den Aussagen Erfindungen dabei seien. Dass Udo S. und der Angeklagte Hans-Ullrich M. einen Kontrollgang bei Jalloh durchgeführt hätten, sei zum Beispiel laut S. erfunden. Isensee meint daraufhin bezüglich der Aussage Frank St.s: „Das ist so konkret, wo soll er das denn her haben, als von Ihnen? „Da kann ich Ihnen nicht helfen.“, erwidert Udo S. Isensee: „Ich glaube schon, dass sie uns da helfen können. Denken Sie an Ihre Pensionsbezüge.“ „Ich kann es mir nicht erklären.“, so der Zeuge und meint damit das genannte Gespräch zwischen Dienstgruppenleiter Frank S. und sich selbst.

„Ich habe ihn festgehalten auch im Wagen, weil er sich so unbändig benommen hat.“
Ulli beweg dich mal ein bisschen, wir müssen sehen, dass wir reinkommen.“

Felix Isensee kommt nochmal auf die Vorgänge des 07. Januar 200 zu sprechen und will von S. wissen, wie dieser den Tag erlebt habe. Er habe Frühschicht gehabt und zu den Begebenheiten mit Oury Jalloh meint er: „Das hat die gesamte Schicht ausgefüllt.“ Jalloh sollte von der Turmstraße zur Wache verbracht werden, weil gegen ihn Vorwürfe wegen sexueller Belästigung erhoben worden seien. Vor Ort seien neben dem Kollegen Hans-Ullrich M. noch Mitarbeiter der städtischen Grünpflege anwesend gewesen. Er selbst habe Jalloh angesprochen, dieser habe sich gewehrt, daraufhin habe er seinen Kollegen M. zu Hilfe gerufen. Im weiteren Verlauf habe man Jalloh Handschellen angelegt, in das Fahrzeug verbracht und sei mit ihm Richtung Polizeirevier gefahren. „Ich habe ihn festgehalten auch im Wagen, weil er sich so unbändig benommen hat.“, gibt S. zu Protokoll. „Ich glaube von hinten.“, beantwortete der Zeuge eine Frage zu den angelegten Handschellen . Sie seien dann auch mit Sondersignalen gefahren nachdem er gesagt habe: „Ulli beweg dich mal ein bisschen, wir müssen sehen, dass wir reinkommen.“, da er allein Schwierigkeiten gehabt habe Jalloh ruhig zu halten.

„Ich hatte immer versucht ihn davon abzuhalten.“

Im Revier angekommen sei Jalloh dann in den Gewahrsamstrakt im Keller verbracht worden: „Da war ich dabei.“, so S. . Ob M. dabei gewesen sei, „Kann ich nicht sagen. Ich glaube der Herr S. (der Angeklagte Andreas S., Anm. d. Red.) kam runter.“, so der Zeuge. „Der Ulli und ich“ haben Jalloh folglich durchsucht. „Dann kam der Arzt.“ Mit diesem zusammen seien sie dann darauf gekommen, Jalloh in Zelle Fünf an Händen und Füssen auf die Matratze zu fixieren, „damit er sich nicht verletzen kann.“ Ob er denn zuvor versucht hätte, sich zu verletzen, will Isensee wissen, worauf der Befragte antwortet: „Ich hatte immer versucht ihn davon abzuhalten.“ Wer alles mit ihm zusammen Jalloh fixiert habe wisse er heute nicht mehr. Andreas S. sei nach unten in den Gewahrsamstrakt gekommen, „um sich kundig zu machen.“, dabei habe der Zeuge den Dienstgruppenleiter gebeten, sie aufgrund der Erregungen nicht weiter mit Kontrollen zu betrauen.

„Dann bin ich wieder raus aus der Kantine und habe schwarze Wolken gesehen.“

„Ja doch, wir sind rausgefahren.“, so der Zeuge auf eine entsprechende Frage, was er und sein Kollege Hans-Ullrich M. nach der Verbringung Jallohs gemacht hätten. Gegen 12.00 Uhr seien sie dann wieder von der Streife zurück gekommen und sei nach dem Parken des Fahrzeuges in die Kantine gegangen, M. sei nicht mit ihm gekommen. „Dann bin ich wieder raus aus der Kantine und habe schwarze Wolken gesehen.“, so der Zeuge. Er habe aufgeregte Beamte auf dem Hof wahrgenommen. Er habe gefragt: „Ist der in Zelle Fünf noch drin? – Das kann doch nicht sein, dass der noch drinnen ist.“ Er sei zuvor davon ausgegangen, dass Jalloh nach einem weiteren Arztkontakt den Gewahrsam bereits am Vormittag verlassen hätte.

„Sie haben sich ja sehr detailliert mittlerweile an diesen Tag erinnert, nur bei diesem Teil kommt die Erinnerung partout nicht wieder.“

Vor Dienstschluss seien sie dann nicht noch einmal auf Streife rausgefahren. Ob sie noch irgendwo gewesen seien, wo M. hätte ein Feuerzeug kaufen können, zum Beispiel Tanken, wisse er heute nicht mehr. Ihre erste Mutmaßung sei gewesen, dass die Zelle elektrisch geheizt werden würde und es hätte einen Kurzschluss gegeben. „Sie haben sich ja sehr detailliert mittlerweile an diesen Tag erinnert, nur bei diesem Teil kommt die Erinnerung partout nicht wieder.“, so Felix Isensee verwundert.

„Ich geb Ihnen mal einen Tipp: Herr M. kommt hier wahrscheinlich raus aus dem Verfahren ohne was – Sie laufen hier gerade rein in ein Verfahren.“

Zu DGL Frank St. habe er überhaupt keinen Kontakt gehabt, mit Hans-Ullrich M. habe es Gespräche zu diesem Sachverhalt gegeben, gibt der Zeuge zu Protokoll. „Es geht hier darum, ob sie hier mit heiler Haut raus kommen oder mit einem Strafverfahren.“, erinnert Nebenkläger Ullrich von Klinggräff den Zeugen an dessen Wahrheitspflicht. „Es stand mal im Raum, Ulli hat mich angerufen.“, gibt der Zeuge nun an. Auch Felix Isensee wirkt hier nochmals auf den Zeugen ein: „Ich geb Ihnen mal einen Tipp: Herr M. kommt hier wahrscheinlich raus aus dem Verfahren ohne was – Sie laufen hier gerade rein in ein Verfahren.“ Der Zeugenbeistand von Udo S. möchte zunächst eine Unterbrechung für seinen Mandanten, was der Kammervorsitzende und die Mehrheit der Prozessbeteiligten nicht so sehen.

Udo S. habe in der zurückliegenden Zeit öfter mal auf Hans-Ullrich M. eingewirkt, dass dieser sich doch daran erinnern müsse, ob er damals ein Feuerzeug vermisst hätte. Ferner habe er sich bei M. öfter mal erkundigt, ob es hinsichtlich der Ermittlungen in diesem Fall etwas Neues gäbe.

Auf die Frage des Verteidigers des Angeklagten Andreas S. Atilla Teuchtler, ob in der Kantine Rauchwaren und Feuerzeuge verkauft werden würden, entgegnet der Befragte: „Kann ich nicht sagen.“, er mutmaßt, dass es dort einen Zigarettenautomaten gäbe.

„Ich war bis zu dieser prekären Situation definitiv nicht im Gewahrsamstrakt.“

Nach einer 45minütigen Verhandlungspause, gibt der Hauptangeklagte Andreas S. zunächst eine kurze Erklärung zur Aussage des pensionierten Polizeibeamten Udo S. ab. „Ich war bis zu dieser prekären Situation definitiv nicht im Gewahrsamstrakt.“, sagte der suspendierte Dienstgruppenleiter im Widerspruch zur Aussage des heutigen Zeugen. Er habe zwar nach unter gehen wollen und sei auch vom Mitangeklagten Hans-Ulrich M. darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass Oury Jalloh fixiert werden solle. Schließlich habe er den Beamten Ti.  im Treppenflur gegeben und ihm bei dieser Gelegenheit die angeforderten Fußfesseln überreicht. Außerdem gibt Andreas S. heute an, dass er „mit 100% Sicherheit“ ausschließen könne, dass Hans-Ulrich M. und sein Kollege Udo S. nach der Fixierung Jallohs in der Zelle 5 den Zellentrakt nochmals zu einem etwaigen Kontrollgang aufgesucht hätten. Außerdem gibt er zu Protokoll: „Vom Verlust eines Feuerzeuges hatte ich definitiv keine Kenntnis.“

„Im Verlaufe des Gespräches ist das Thema dann auch auf das Feuerzeug gekommen.“
„Beide Personen waren eine Funkwagenbesatzung und da gehe ich davon aus, dass der eine weis, was der andere tut.“

Nun wird der 46jährige Dienstgruppenleiter Frank St. in den Zeugenstand gebeten. Richter Steinhoff erläutert dem Beamten zunächst den Kontext seiner heutigen Vernehmung und verweist dabei explizit auf seine Aussage, die er im Juni diesen Jahres beim Oberstaatsanwalt Christian Preissner getätigt habe. St. erinnert sich daran, dass er ca. zwei Wochen nach dem Brand zusammen mit Udo S. zu einer Nachtschicht Streife fuhr. Bei dieser Gelegenheit habe ihm der Beamte, ziemlich zum Anfang der Schicht, von den Ereignissen am 07. Januar 2005 berichtet: „Im Verlaufe des Gespräches ist das Thema dann auch auf das Feuerzeug gekommen.“  Zuvor habe S. von der Festnahmesituation in der Turmstraße und der darauf erfolgte Verbringung Oury Jallohs ins Revier gesprochen. „Als DGL hat mich diese Frage sehr bewegt: Wie konnte es dazu kommen.“, schildert der Zeuge sein damaliges Interesse an dem Umstand, dass im Brandschutt ein Feuerzeug gefunden worden sei. „Er sagte das der Kollege, der Herr M., an diesem Tag sein Feuerzeug gesucht habe.“, paraphrasiert Frank St. die damalige Äußerung des pensionierten Kollegen. Udo S. habe ferner gesagt, dass Hans-Ulrich M. sein Feuerzeug nicht nur gesucht habe, sondern es augenscheinlich nicht gefunden hätte und deshalb ein neues gekauft habe. Außerdem hätte S. angegeben, dass M. am Morgen noch ein Feuerzeug in seinem Besitz gehabt hätte. „Beide Personen waren eine Funkwagenbesatzung und da gehe ich davon aus, dass der eine weis, was der andere tut.“, sagt der Zeuge und antwortet damit auf die Frage Steinhoffs, ob er bei der Schilderung des Beamten Udo S. den Eindruck gehabt hätte, dieser habe den Feuerzeugkauf seines Kollegen unmittelbar wahrgenommen.

Allerdings, so der Zeuge, habe er den Eindruck gehabt, dass Udo S. nicht näher habe eingrenzen können, wo genau M. das Feuerzeug verloren haben könnte. Außerdem habe Udo S. bei dieser Streife erzählt, dass er bisher niemanden von dieser Beobachtung (etwaiger Feuerzeugverlust; Anm. d. Red.) erzählt habe und auch in Zukunft gedenke, dies nicht zu tun. Als Begründung habe er dabei angegeben, dass ihm das nichts anginge, schließlich sei er kein Raucher. Zudem bestätigt der Zeuge, dass er „etwa im 2. oder 3. Quartal“ mit dem Angeklagten M. gesprochen habe. In diesem Gespräch habe M. gesagt, dass er am 07. Januar 2005 kein Feuerzeug im Gewahrsamstrakt verloren habe.

Auf Nachfrage des Richters gibt er an, dass die Schlüssel zu den Fußfesseln damals in der Regel in einem DGL-Nebenraum aufbewahrt worden seien. Wäre keine Person fixiert gewesen, hätten die Schlüssel in den dort deponierten Fußfesseln selbst gesteckt. Er könne aber nur sagen, dass es in seiner Schicht so gewesen sei und dies schließt nicht aus, dass andere Schichtleiter die Schlüssel womöglich auch woanders abgelegt haben könnten.

„Stellt sich dann noch die Frage, warum Sie mit ihrem Wissen erst so spät zur Staatsanwaltschaft gegangen sind?“

„Stellt sich dann noch die Frage, warum Sie mit ihrem Wissen erst so spät zur Staatsanwaltschaft gegangen sind?“, fragt der Vorsitzende Richter Steinhoff den Zeugen. Dieser antwortet, dass es zunächst die Sache des Angeklagten M. gewesen wäre, diesen Sachverhalt ins Verfahren einzubringen. Erst als er mitbekomme habe, dass dieser Zusammenhang in der Hauptverhandlung keine Rolle spiele, habe er sich zu einem solchen Schritt entschieden.

„So wie er es berichtet, ist es für mich nachvollziehbar.“

Oberstaatsanwalt Christian Preissner hält dem Zeugen zunächst eine Passage aus seiner eigenen staatsanwaltschaftlichen Vernehmung vor. In den Akten steht, dass Frank St. angegeben habe, dass Udo S. ihm gegenüber im Streifenwagen geäußert habe, dass Gespräch über das verlorene Feuerzeug notfalls zu leugnen. „Das trifft eigentlich nicht auf mein Verständnis“, sagt Frank St. zu dieser Andeutung seines Kollegen. Zudem gibt er an, in der vergangenen Woche telefonischen Kontakt zum Hauptangeklagten Andreas S. gehabt zu haben. Dieser habe ihm angerufen und ihm mitgeteilt, dass er in dieser Woche nochmals als Zeuge geladen werde und nach Udo S. aussagen solle. In diesem Telefonat habe ihm S. zudem offeriert, dass sich sein Mitangeklagter M. am 53. Verhandlungstag (mehr dazu hier…) ausführlich zu seinem vermissten Feuerzeug eingelassen habe. Außerdem sagt er, gefragt ob die Angaben des Kollegen Udo S. für ihn glaubwürdig gewesen wären: „So wie er es berichtet, ist es für mich nachvollziehbar.“

„Diese These, die immer noch in den Medien gehandelt wird, dass eventuell Dritte Hand angelegt haben.“

Nebenklagevertreterin Regina Götz möchte vom Zeugen wissen, was ihn denn letztlich bewogen habe, doch eine Aussage bei der Staatsanwaltschaft zu machen. „Diese These, die immer noch in den Medien gehandelt wird, dass eventuell Dritte Hand angelegt haben. Das schließe ich für mich, auch als DGL der weis wie Gewahrsamnahmen ablaufen, aus.“, antwortet der Dienstgruppenleiter. Er wisse auch noch dass sein Entschluss, schließlich eine Aussage über das Gespräch mit Udo S. zu machen, in dieser Zeitspanne gefallen sei, als die Nebenklage einen Freispruch für den Angeklagten M. beantragt habe. Dies, so der Zeuge weiter, sei aber eher ein zeitlicher Zufall und habe keine Einfluss auf seine Entscheidung gehabt.

„Normalerweise, von der Abfolge her, kann es zu so einem Ereignis nicht kommen.“

„An diesem Tag gab es nur ein Thema“, sagt Frank St. zur Stimmungslage an jenem 07. Januar 2005 im Polizeirevier Dessau. Auch er habe sich am Diskurs beteiligt und sich den Brand nicht erklären können: „Normalerweise, von der Abfolge her, kann es zu so einem Ereignis nicht kommen.“  Er habe auch mit Beate H. (mehr dazu hier…) gesprochen. Ihm sei noch erinnerlich, dass sie diese Sache ziemlich mitgenommen habe: „Weil sie auch in der Leitstelle an diesem Tag allein gelassen wurde.“ Außerdem soll sich Beate H. in einem Gespräch auch zum Verhalten des Hauptangeklagten Andreas S. geäußert haben. „Andreas S. hat das gemacht, was Du auch gemacht hättest. Knopf gedrückt, Schlüssel genommen und nach unten gelaufen.“, paraphrasiert der Zeuge heute die damalige Einschätzung der Kollegin.

„Ich möchte mich erinnern, das beide später noch einmal Kontrollgänge durchgeführt hätten.“

Nebenklageanwalt Felix Isensee möchte von Frank St. abschließend wissen, ob sich Udo S. bei der gemeinsamen Streifenfahrt auch zu Kontrollgängen am 07. Januar 2005 durch ihn und seinem Kollegen M. geäußert habe. „Ich möchte mich erinnern, das beide später noch einmal Kontrollgänge durchgeführt hätten.“, so der Befragte.

Prozessbeobachtergruppe: http://www.prozessouryjalloh.de

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