55. Prozesstag

05. November 2008  //  9.00 – 10.30 Uhr

„Ich begebe mich jetzt in die Zelle, in der sich ein schwarzer ausländischer Mitbürger angezündet hat.“


Leiter der Ermittlungsgruppe Stendal erneut befragt/Videoaufnahmen des Tatortes und der Leiche vorgeführt/Chemikerin des LKA zur Analyse des Brandschuttes befragt

„Belehrung wie beim letzten Mal.“, begrüßt  der vorsitzende Richter Manfred Steinhoff den heutigen ersten Zeugen, den Kriminalbeamte Hei. des Landeskriminalamtes (mehr dazu hier…). Er soll heute nochmals zu dem aufgezeichneten Filmmaterial der Videogruppe vom Tatort aussagen. Zunächst führt er auf entsprechende Fragen hin aus, dass die Kamera bei den Untersuchungen des Leichnams Oury Jallohs in der Zelle nicht erst irgendwann ausgefallen sei, sondern gar nicht erst angefangen habe, diese aufzuzeichnen. Auf dem Filmmaterial sei demnach lediglich die Passage festgehalten von der Begehung des Hauses vom Hof aus bis hin zur Leiche in der Zelle.

„Ich begebe mich jetzt in die Zelle, in der sich ein schwarzer ausländischer Mitbürger angezündet hat.“

„Sie haben uns da einen Silberling geschickt, das sind die einzigen Aufnahmen, die an diesem Tag gemacht worden.“, so Steinhoff und fordert Hei. auf, den Beitrag vorzuführen; „Das ist ja nicht so lang.“, so der Vorsitzende weiter. Zu sehen ist wie vom Hof des Polizeirevieres durch  den Hintereingang in den Gewahrsamstrakt gegangen wird. „Ich begebe mich jetzt in die Zelle, in der sich ein schwarzer ausländischer Mitbürger angezündet hat.“, so der Eingangskommentar auf dem Videobeitrag des filmenden Beamten. Über die Räume des Gewahrsamstraktes wird folglich die Zelle Fünf passiert, in der auf einem flachen Podest am Boden die schwer verkohlte Leiche Oury Jallohs zu sehen ist. An den Wänden im Raum ist zu sehen, dass die Rußablagerungen sich etwa 60 bis 70 Zentimeter oberhalb des Bodens niederschlugen. Mittig des Podestes war an der Wand von Bodenhöhe bis an die Raumdecke Rußablagerungen erkennbar, was auf den Brandherd schließen lässt.

Der Schwenk über den Leichnam Jallohs verdeutlichte, den starken Verbrennungsgrad. Reste der Matratze auf der Jalloh lag scheinen überwiegend verbrannt zu sein. Nahezu der gesamte Körper ist stark verkohlt, Reste von Textilien, beispielsweise die Strümpfe, sind nur noch marginal zu erkennen. Vielmehr sind mehrere Stellen zu erkennen, an denen die Haut aufgrund der Hitzeeinwirkung aufgeplatzt ist. Dann schließt das Video. Aufzeichnungen nachdem die Kamera auf dem Stativ positioniert worden sei, gäbe es nicht, da sei die Aufzeichnung aus unerfindlichen Gründen nicht angelaufen gibt Uwe Hei. zu Protokoll. Auf eine entsprechende Frage des Oberstaatsanwaltes Preissner gab der Zeuge an, dass die Aufnahmen kurz nach 16.00 Uhr an dem 07. Januar 2005 gemacht worden seien.

„Warum, kann ich hier nicht beantworten, das ist mir unerklärlich. Technik ist nicht meine Sache.“

Nebenklagevertreter Ullrich von Klinggräff fragt den Beamten zunächst, wie es zu dem Eingangskommentar des filmenden Beamten gekommen sei. „Ich nehme an, dass er bei der Einweisung dabei war und diese Information vom Revierleiter K. bekommen habe.“, so der LKA-Beamte und ergänzt, dass er über eine solche Information nicht verfügt habe. Die Länge des Bandes betrage vier Minuten und 11 Sekunden. „Warum, kann ich hier nicht beantworten, das ist mir unerklärlich. Technik ist nicht meine Sache.“, so der Befragte auf die Fragestellung, weshalb nichts von der eigentlichen Untersuchung des Tatortes aufgezeichnet sei. Laut der Aussage des Beamten Lü., dieser habe die Aufzeichnungen gemacht, ende das Band an der gezeigten Stelle, mehr sei nicht vorhanden, gibt der Beamte Hei. zu Protokoll. Ferner habe er mehrfach mit dem Kollegen Lü. darüber gesprochen, auch diesem sei unerklärlich, wieso die Kamera nicht aufgezeichnet habe. „Normalerweise ist die Kamera bedienungssicher.“, so Hei.. „Das ist sehr schade, wir hatten vorher extra alles aufgebaut, damit das aufgezeichnet werden kann.“, fügt der Beamte an.

Klinggräff fragt den Zeugen nach einer Flüssigkeit, die er in dem Beitrag auf dem Zellenboden wahrgenommen habe. Der Zeuge führt aus, dass das Wasser sein muss, da vor Ort eine negative Prüfung auf Brandbeschleuniger durchgeführt worden sei. Nach seiner Wahrnehmung habe der meiste Brandschutt auf der Matratze gelegen, im Raum sei nur sehr wenig gefunden worden. Diese Reste seien dann in Aluminiumtüten verpackt und mit Etiketten des Landeskriminalamtes versehen worden. Klinggräff hält dem Zeugen vor, dass es einen Widerspruch zwischen dessen Aussage und der des Sachverständigen Peter K. (mehr dazu hier…) gäbe. Der Fundort des Feuerzeugs sei hiernach unterschiedlich angegeben worden. Der Zeuge gibt dazu an, dass er selbst nicht am Tatort gewesen sei und die heute folgende Zeugin Gisela Pfl., Sachverständige des LKA, mehr dazu sagen könne.

Der Verteidiger des Hauptangeklagten Andreas S. Attilla Teuchtler fragt den Zeugen nach technischen Details der Kamera. Ob diese auf einen Chip oder auf ein Band aufzeichne, will er wissen. Auf Band würde diese aufzeichnen und der Kollege Thi. habe das Band dann digitalisiert. Das Originalband sei laut LKA-Beamten auch noch vorhanden.

„Es ist keine Brandbeschleunigungssubstanz gefunden worden.“

Nach etwa 20 Minuten betritt die zweite Zeugin des heutigen Tages den Verhandlungssaal. Die 50-jährige Sachverständige für forensische Chemie beim Landeskriminalamt Gisela Pfl. nimmt im Zeugenstand Platz. Die Asservate in den Aluminiumtüten mit den Bezeichnungen „1.1.“ und „1.2.“ habe sie am 10. Januar 2005 erhalten. Daraufhin habe sie die Untersuchung des ersten Asservats „1.1.“ begonnen. Vor Öffnen der Tüten sei eine gasgromatographische Untersuchung durchgeführt worden. Hierfür führe die Chemikerin eine SPME-Faser durch einen Einstich in die Aluminiumverpackung ein, erhitze das Asservat in einer dafür vorgesehenen Kammer für 30 Minuten auf 60 Grad Celsius und analysiere die SPME-Faser anschließend in einem Gasgromatographen. Dieser analysiere alle aufgenommenen Substanzen und weise deren Bestandteile als Zahlenwerte aus, woraufhin die Chemikerin diese Werte mittels Fachliteratur abgleichen und die Einzelbestandteile möglichen Substanzen zuordnen könne. „Es ist keine Brandbeschleunigungssubstanz gefunden worden.“, so die Chemikerin des LKAs.

„Das alles war sehr stark brandgeschädigt.“
„Es war ja schon im Bericht; ‚Zweck der Untersuchung: Auffinden eines Zündmittels‘“

Nach Öffnen der Asservatentüte „1.1.“ und deren Ausbreitung habe sie zwei Stücke Schaumstoff der Matratze mit Kunstlederresten, textiles Material, das T-Shirt des Verstorbenen mit Teilen des Buchstaben-Aufdruckes, und Reste der Cordhose wahrgenommen. „Das alles war sehr stark brandgeschädigt.“, gibt die Sachverständige an. Bei näherer Betrachtung sei ihr zugleich der Rest des Feuerzeuges aufgefallen. Sie habe den Kollegen Hei. daraufhin gleich telefonisch darüber informiert. Hei. habe das Feuerzeug zur weiteren Untersuchung bekommen, den Rest der Asservate hätten die Kollegen Peter K. und Heinz Fie. (mehr dazu hier…) erhalten. „Es war ja schon im Bericht; ‚Zweck der Untersuchung: Auffinden eines Zündmittels‘“ angegeben, so die LKA-Mitarbeiterin, zur möglichen Zielrichtung der Ermittlungen.

„Es gab im Prinzip die Besonderheit, dass das Zündmittel nicht klar war.“

Auf weitere Nachfrage Christian Preissners hinsichtlich auffindbarer Reste des Feuerzeuggases, die als Brandbeschleuniger hätten identifiziert werden müssen, antwortet sie: „Wenn etwas vollständig verbrennt, dann ist es nicht mehr zu finden.“ „Wenn etwas verbrennt, dann entstehen ja auch andere Substanzen.“, führt der Oberstaatsanwalt seine folgende Frage ein. Die Chemikerin bejaht die Frage und konkretisiert, dass sie typische Stoffe, die bei der Verbrennung von Kunstoffen entstehen, gefunden habe. Das Asservat „1.1.“ habe sie im Beisein des Kollegen Peter K. geöffnet. „Es gab im Prinzip die Besonderheit, dass das Zündmittel nicht klar war.“, gibt die 50-Jährige auf den Grund des „Vier-Augen-Prinzips“ zu Protokoll. Auf eine Zwischenfrage des Vorsitzenden Richters führt sie aus, dass sie ihre Notizen parallel zur Untersuchung anfertige.

„Vielleicht sieht er etwas, was ich nicht kenne.“

Nun setzt der Nebenklagevertreter Ullrich von Klinggräff die Befragung der 50-jährigen Gisela Pfl. fort und will zunächst wissen, warum sie zu der Untersuchung der Asservate ihren Kollegen K. hinzugezogen habe. Sie selbst sei nur Chemikerin, Peter K. sei der Brandursachenermittler im Haus, manchmal würde es ein geschultes Auge benötigen, um möglich Zündquellen im Brandschutt zu erkennen. „Vielleicht sieht er etwas, was ich nicht kenne.“, so Gisela Pfl. . Auf einen Vorhalt des Nebenklägers Klinggräff, dass Peter K. angegeben habe, die Kollegin sei nur mit einer Asservatentüte in seinen Arbeitsbereich gekommen, entgegnet sie, beide Asservate in ihrem Bereich geöffnet zu haben. Es sei für sie gängige Arbeitsweise, die Spuren chronologisch zu bearbeiten, ob Peter K. bei der Untersuchung des zweiten Asservats anwesend war, wisse sie nicht mehr.

Nach einen Zusammenhang zwischen der Möglichkeit Brandbeschleuniger auffinden zu können und der zeitlichen Distanz der Untersuchung nach dem Brandhergang fragt Ullrich von Klingräff weiter. Wenn alles ordnungsgemäß verpackt sei, würde sich bis zu einem halben Jahr nichts in der Aluminiumtüten verändern, diese seien eine sehr gute Verpackungsmöglichkeit und seien für Brandbeschleuniger nicht durchlässig, so die Sachverständige. Ferner bestünde vor Ort noch die Möglichkeit, mittels eines Photoionendetektor nach Brandbeschleuniger zu suchen, diese Chancen hingen aber mehr noch von der Menge möglicher Brandbeschleuniger ab.

„Nein, das kann ich so nicht bestätigen.“

Klinggräff stellt für die Zeugin nun nochmal klar, weshalb er bei diesem Komplex so genau nachfragt. Ihre Aussage und die Aussagen der LKA-Kollegen Uwe Hei. und Peter K. stünden in zwei Fällen im Widerspruch: Der Auffindeort des Feurzeugfragmentes sei unterschiedlich und die Angaben zur Beschaffenheit des Brandschuttes seien sehr verschieden. Laut den beiden Kollegen habe dieser aus  ‚kleinem losem Brandschutt ohne größere Stücke der Matratze und Textilien‘ bestanden. „Nein, das kann ich so nicht bestätigen.“, so die Chemikerin des LKA. Die Lichtbilder der Asservate habe Peter K. erstellt, gibt sie noch zu Protokoll.

Oberstaatsanwalt Christian Preissner versucht noch einmal zu erfragen, ob es sich um einen tatsächlichen Widerspruch handele oder nur um einen vermeintlichen. Die Sachverständige „schüttelt“ sich den Inhalt der Aluminiumtüten für die Untersuchungen zurecht, dabei könne es sein, dass sich der Block des Brandschuttes im Laufe der Prozedur auch verändere, gibt sie zu Protokoll. Auf eine entsprechende Frage von Attilla Teuchtler, Verteidiger des Hauptangeklagten Andreas S., führt sie an, dass sie die Aluminiumtüten nach ihren Untersuchungen mit Paketklebeband wieder verschließe. Ferner vermag sie auszuschließen, dass unautorisierte Personen auf die Asservate zugreifen könnten.

Da der Angeklagte Hans Ullrich M. sich mittels seines Verteidigers vehement dagegen verwehrte, noch irgendwelche Fragen der Nebenklagevertretung zu beantworten, sondern alleinig von Seiten des Gerichtes, macht Ullrich von Klinggräff heute als Abschluss eine Offerte an diesen, um seine Aussagebereitschaft zu beflügeln. Er überreicht ihm eine Liste von Fragen, deren Beantwortung er und sein Verteidiger sich zum nächsten Verhandlungstag überlegen könnten. Die Nebenklage möchte wissen, was der Angeklagte am 07. Januar 2005 zwischen 11.30 Uhr und 12.10 Uhr gemacht habe. Laut seinen Aussagen hätte er sich beim DGL angemeldet, eine Zigarette geraucht und sich in der Kantine aufgehalten, diese Tätigkeiten seien für eine Zeitfenster von 40 Minuten unrealistisch. Er möge angeben, was er noch in der Zeit getan habe. M. habe angegeben, mit dem Kollegen Udo S. in der Kantine gewesen zu sein, dieser habe aber ausgesagt, dass er allein dort gewesen sei. Wie erkläre sich der Angeklagte, dass Udo S. sowie kein anderer Zeuge angegeben hätten, ihn dort gesehen zu haben. Ferner habe Hans Ullrich M. berichtet, selbst einen Rettungsversuch gestartet zu haben, was aber kein Zeuge bestätigen konnte. Kollegin Beate H. habe von einem Kontrollgang im Gewahrsamstrakt etwa 11.30 Uhr berichtet. Ob M. diese Kontrolle durchgeführt hätte möchte der Nebenkläger wissen.

Zum Abschluss des Verhandlungstages gibt Preissner noch bekannt, dass die Staatsanwaltschaft selbsttätig eine Bewertung der Arbeit des Feuerwehrinstitutes in Heyrothsberge Auftrag gegeben habe. Ein Gutachter aus Leipzig habe sich die Unterlagen zu den Versuchen angeschaut und hätte geäußert, dass er genauso vorgegangen wäre. Die schriftliche Antwort auf die Untersuchung käme den Prozessbeteiligten noch zu.

Prozessbeobachtergruppe: http://www.prozessouryjalloh.de

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