32. Prozesstag

Dezember 3, 2007

03. Dezember 2007 // 9.00 – 12.15 Uhr

„Ich hatte den Eindruck, dass sie genau wusste, was sie sagt. Sie konnte die Sachen noch normal formulieren.“

 

Bekannter Oury Jallohs befragt // Vernehmungsbeamter der Hauptzeugin Beate H. hält ihre erste Aussage für glaubhaft

 

„So Herr Z.“, beginnt Richter Manfred Steinhoff den 32. Verhandlungstag im Oury Jalloh-Prozess. Der 42jährige Victor Z. aus Burkina Faso nimmt neben einem vereidigten Dolmetscher Platz. Der Asylbewerber gibt an, heute in einer Sammelunterkunft in Dessau-Roßlau untergebracht zu sein. „Es geht um Oury Jalloh, dass ist klar. Ich nehme an, Sie haben ihn gekannt?“, beginnt der Vorsitzende der 2. Strafkammer am Dessauer Landgericht seine Befragung.

 

Der Befragte gibt an, Jalloh gut gekannt zu haben. Er habe mit ihm in derselben Unterkunft in Roßlau gewohnt. Oury Jalloh habe die Wohnung über ihm belegt. Richter Steinhoff zitiert aus der polizeilichen Vernehmung, dort habe Victor Z. angegeben, mit Oury Jalloh „befreundet gewesen zu sein“. Dass, so der Zeuge, habe er so nicht gesagt. Vielmehr habe er immer nur von einer „guten Bekanntschaft“ gesprochen. Der 42jährige dazu: „Die Vernehmung fand an diesem Tag ohne Dolmetscher statt“. Er habe die Beamten darauf hingewiesen und hätte zu ihnen gesagt: „Mein Deutsch reicht gerade aus, um ein paar Einkäufe zu machen.“ Die vernehmenden Beamten hätten darauf hin gemeint, es trotzdem einmal zu probieren.

 

Er habe Oury Jalloh seit 2002 gekannt. Er habe zu ihm erzählt, dass er aus Sierra Lione stamme. Dies, so der Zeuge weiter, sei für ihn auch glaubwürdig gewesen: „Da er schließlich auch französisch spricht“. Auf Nachfrage des Richters gibt der Befragte an, mit Oury Jalloh in den Jahren 2004 und 2005 keinerlei Probleme gehabt zu haben. Wenig später räumt er ein, dass es am 03. Januar 2005 dennoch einen Zwischenfall gegeben habe: „Das habe aber ich verursacht“. Der Zeuge schildert, dass er an diesem Tag gegen 23.00 Uhr durch einen lauten Knall aufgewacht wäre. Oury Jalloh hätte seine Wohnungstür aufgebrochen und ihn aufgeregt gefragt: „Lebst Du noch?“ Er habe in dieser Situation Oury Jalloh zunächst gefragt: „Wie bist Du hier reingekommen?“ Erst dann habe er wirklich realisiert, dass Jalloh seine Wohnungstür gewaltsam aufgebrochen habe. Der Zeuge erklärt sich dieses Verhalten damit, dass sich Jalloh Sorgen um ihn gemacht habe. So hätte er versucht, ihn telefonisch zu kontaktieren, habe ihn jedoch nicht erreicht. Schließlich habe sich Victor Z. dann dafür entschieden, die Polizei zu informieren, da er Angst gehabt hätte, die beschädigte Tür ersetzen zu müssen. Diese wäre dann auch eingetroffen. Er habe allerdings darauf verzichtet, eine Strafanzeige zu erstatten. Nach dem Vorfall sei Jalloh dann in sein Zimmer zurückgekehrt. Am 04. Januar 2005 sei Jalloh dann zu ihm ins Zimmer gekommen und hätte sich entschuldigen wollen. Victor Z. gibt an, diese Entschuldigung angenommen zu haben. Schließlich hätten sie gemeinsam die Tür repariert, wobei Oury Jalloh das notwendige Material mitgebracht habe.

 

Oury Jalloh habe sich dann vom 04. bis 06. Januar ausschließlich in seinem Zimmer aufgehalten. „Ich habe ihm gesagt, dass man nicht den ganzen Tag im Zimmer bleiben kann“, sagt der Zeuge und schildert damit seine etwaigen Bemühungen, Oury Jalloh zu ermutigen, endlich einmal wieder an die „frische Luft“ zu gehen. Jalloh habe dies zunächst mit der Begründung abgelehnt, kein Geld für die Fahrt nach Dessau zu haben. Schließlich habe er sich dann entschieden, für Oury Jalloh und sich eine Fahrkarte zu kaufen. Gegen 14.00 Uhr wäre sie Beide dann am 06. Januar 2005 nach Dessau gefahren. Am Dessauer Hauptbahnhof hätten sie sich dann getrennt. Oury Jalloh habe sich mit den Worten verabschiedet: „Ich gehe zum Call-Center“. Er selbst habe einen Bekannten im Heim (Asylbewerber Unterkunft im Schwarzen Weg; Anm. d. Redaktion) besuchen wollen. „Das war das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben“, so Victor Z. Gegen 21.00 habe Oury Jalloh ihn dann angerufen und mitgeteilt, dass er über Nacht in Dessau bleiben wolle. „Das war das letzte Mal, dass ich seine Stimme gehört habe“, so der Befragte dazu. Jalloh habe ihm nicht gesagt, wo genau er schlafen wolle.

 

Richter Steinhoff möchte nun wissen, ob Oury Jalloh grundsätzlich Alkohol getrunken habe. Dies bejaht der Zeuge: „Wie jeder Mann“. Am Tag als er seine Wohnungstür zerstört habe, sei Jalloh auch betrunken gewesen. Jalloh habe Bier getrunken, manchmal auch Cola-Whiskey, bestätigt der 42jährige auf Nachfrage. Außerdem interessiert Steinhoff, wie Jalloh unter Alkoholeinfluss reagiert habe, ob er gelöst und lustig, aggressiv oder eher ruhiger geworden wäre. „Wenn er betrunken war, wollte er immer über Politik reden“, so der Zeuge dazu. Vor allem der Bürgerkrieg in Sierra Lione sei dann immer wieder Thema gewesen. Oft wäre Jalloh allerdings einfach nur gelöst gewesen: „Er war dann immer so glücklich“. Richter Steinhoff hält dem Zeugen vor, dass er in seiner polizeilichen Vernehmung angegeben habe, dass Jalloh unter Alkohol „aggressiv“ reagiert habe. Er verweist wieder auf den fehlenden Dolmetscher und gibt an, dass so nicht ausgeführt zu haben.

 

„Ich habe hier Foto`s, dass war zwei Wochen vor seinem Tod“, sagt Victor Z. und hält Fotografien in die Höhe. Richter Steinhoff lässt sich die Bilder zeigen.

 

Nun kommt Steinhoff auf die ökonomische Situation Jallohs zu sprechen: „Hatte er finanzielle Probleme?“. Oury Jalloh habe monatlich Gutscheine bekommen. „Über Bargeld verfügte er nicht“, so Victor Z. weiter. Er könne auch nicht sagen, woher sich Jalloh das Geld besorgt habe. Der Richter möchte wissen, ob ihm bekannt gewesen sei, dass Jalloh Drogen genommen habe und wegen Drogenhandels verurteilt worden wäre und in diesem Kontext eine Gefängnisstrafe hätte antreten müssen (zum Haftantritt kam es nicht mehr; Anm. d. Red.). Dies kann der Zeuge nicht bejahen und sagt dazu weiter: „ Ich wusste, dass er im Gefängnis war und von einer Therapie hat er erzählt“. Er habe niemals mitbekommen, dass Oury Jalloh Drogen genommen habe.

 

„Ja er war Raucher“, antwortet Victor Z. auf eine entsprechende Frage des Richters. „Oft hatte er Streichhölzer, die hat er aber oft verloren“, konkretisiert der Zeuge die Frage, ob Jalloh in der Regel ein Feuerzeug oder Streichhölzer verwendet hätte.

 

„Was hat er üblicherweise für Hosen getragen?“, möchte der Kammervorsitzende wissen. Der Zeuge gibt an, das Jalloh zumeist einfache Jeans angehabt hätte. Das Jalloh eine braune Cordhose besessen habe, wäre ihm nicht erinnerlich.

Oberstaatsanwalt Christian Preissner fragt zunächst, ob er und Oury Jalloh am 06. Januar 2005 mit dem Bus oder der Bahn nach Dessau gereist wären. „Mit der Bahn“, gibt der 42jährige an. Außerdem möchte der Anklagevertreter wissen, welche Bekleidungsgegenstände Jalloh getragen habe. „Eine Jeans und eine Militärjacke“, fällt dem Zeugen heute dazu ein.

„Können Sie uns sagen, was Oury Jalloh für ein Mensch war?“, beginnt Regina Götz die Befragung für die Nebenklage. Der Zeuge wiederholt zunächst seine Angabe, dass Jalloh ein politischer interessierter Mann gewesen sei. Nachdem ihm Götz aus den Akten vorhält, dass ein Bekannter von Oury Jalloh angegeben habe, das er ein „lebenslustiger Mensch“ gewesen sei, stimmt Victor Z. dem zu: „Das stimmt, wir haben oft über seine Witze gelacht“.

Der Verteidiger des Hauptangeklagten Andreas S., Rechtsanwalt Teuchtler, möchte wissen ob Jalloh am 06. Januar 2005 vor der Zugfahrt bereits Alkohol getrunken habe. „Nein“, so der Befragte.

Der Zeuge wird schließlich unvereidigt entlassen.

Als zweiter Zeuge des heutigen Tages wird der 43-Jährige Polizeibeamte Karsten Wä. vom Fachkommissariat (FK) Zwei der Polizeidirektion Stendal vom Vorsitzenden Richter Steinhoff befragt. Am Freitag des 7. Januar 2005 habe er gegen 13:45 Uhr den Einsatzbefehl vom Leiter Führungsgruppe des Zentralen Kriminaldienstes entgegen genommen, er habe sich zu diesem Zeitpunkt als einziger seiner Kollegen noch im Dienst befunden. Ihm sei mitgeteilt worden, dass in Dessau jemand in einer Zelle des Polizeirevieres verbrannt sei. Als erste Reaktion ist dem Befragten heute erinnerlich, dass er den Sachverhalt in Frage gestellt habe, weil er sich nicht vorstellen konnte was in einer gefliesten Zelle brennen solle. Ferner habe er in diesem Telefonat mit dem Vorgesetzten die Zuständigkeiten des Einsatzes geklärt, hier wäre ihm mitgeteilt worden, dass das Innenministerium das Stendaler Fachkommissariat Zwei mit den Ermittlungen beauftragt habe.

Zwischen 16.30 und 16.45 Uhr seien Karsten Wä. und seine Kollegen im Polizeirevier Dessau angekommen. Als erstes haben sie sich in den Keller des Gebäudes begeben, um sich anhand eines Blickes in Zelle Fünf einen Eindruck von den Geschehnissen zu machen. Weiter gibt Wä. zu Protokoll, dass die Tatortgruppe zu diesem Zeitpunkt bereits ihre Arbeit im Gewahrsamstrakt aufgenommen habe.

Im weiteren Verlauf hätten sie sich in die Räumlichkeiten des Revierkriminaldienstes des Polizeireviers Dessau begeben. Hier sei ihnen nach einer Einweisung ein Ausdruck ausgehändigt worden, mit chronologischen Darstellung der Ereignisse im Revier, von 8.00 Uhr bis zum Ausbruch des Alarmes. „Nur Zahlen standen drauf und Namen“, so der Befragte zu diesem Schriftstück. „Das Blatt war als Hilfsmittel gedacht, um erste Eindrücke zu bekommen.“, führt er weiter aus. Dieses A4-Blatt, was er selbst heute mit zu Gericht bringt, wird folglich am Richtertisch von allen Prozessbeteiligten in Augenschein genommen.

Konkrete Vorgaben zu den am 07. Januar 2005 erfolgten Zeugenvernehmungen habe es laut Karsten Wä. nicht gegeben. „Nicht das ruhigste Zimmer, das war nicht so ideal, muss man sagen“, beschreibt der 43-jährige Polizeibeamte das Durchgangzimmer in dem er an diesem Tag die Vernehmungen von Udo S. (mehr dazu hier…) und Beate H. (mehr dazu hier…) durchgeführt habe. 20.25 Uhr habe er dann mit der Vernehmung Beate H.s begonnen. Den ersten Teil der Vernehmung habe die Schilderung ihrer Arbeit im Revier und ihrer Position eingenommen. Dann führt der Zeuge weiter an: „Sie war schon etwas aufgeregt, feuchte Augen hatte sie schon.“ Nach dem ersten Gespräch sei sie dann auch ruhiger gewesen und der Vernehmungsbeamte habe das Gefühl gehabt, „dass sie auch was erzählen wollte.“

Zu seiner Arbeitsweise bei Vernehmungen konkretisiert der Beamte, dass er sich die Sachverhalte stückweise schildern lasse, sie dann auf Tonband spreche und diese dann der befragten Person nochmals vorspiele. Zudem halte er die Zeugen dazu an, gleich zu intervenieren, wenn sie das Gefühl hätten, dass etwas nicht korrekt wiedergegeben sei. In diesem Falle überspiele er das Fehlerhafte nochmals.

Um sich ein direktes Bild des DGL-Bereiches, in dem Beate H. Dienst gehabt habe, zu verschaffen, hatten sie die Vernehmung unterbrochen und diese vor Ort (im DGL-Bereich Anm. d. Red.) zunächst weiter geführt. Dort habe er sich die technischen Details und Abläufe erläutern lassen und auf Band gesprochen. „Ich habe einige Nachfragen gestellt, wenn es mir wichtig erschien.“, so der Beamte auf eine entsprechende Nachfrage. „Kurze Dinge, wo ich der Meinung war, dass diese noch wichtig sind.“, wie zum Beispiel Namen oder ähnliches, so Karsten Wä. . „Ein-einhalb Stunden ging die Vernehmung, es gab keine Situation, inder ich den Eindruck hatte, dass sie nicht mehr konnte. Wo sich die Ereignisse überschlagen haben, wurde sie emotionaler und hatte Tränen in den Augen.“, so Wä. . Verschiedene Formulierungen der Zeugin habe er in seinen Verschriftlichungen übernommen, um die Authentizität der Aussagen zu verdeutlichen. Konkrete Zeitangaben habe H. in dieser Vernehmung trotz mehrmaliger Nachfragen nur zwei angeben können: Begebenheiten um 8.00 Uhr und ihre letzte Kontrolle der Zelle Fünf um 11.45 Uhr. Auf sein Angebot, sich das Komplette Tonband der Vernehmung zum Abschluss anzuhören, habe Beate H. verzichtet, gibt der Befragte zu Protokoll.

Oberstaatsanwalt Christian Preissner will nun wissen, ob sich der Gemütszustand der Zeugin beim Einstieg in das „Kernthema“ verändert habe, wie zum Beispiel „Weinkrampf“ oder Taschentuch“ wirft er dazu nach. „Das war nicht der Fall, sie hatte nur Tränen in den Augen.“, wäre aber „definitiv aufgeregter“ gewesen, so Karsten Wä. dazu. Weiter gibt er aber an: „Ich hatte den Eindruck, dass sie genau wusste, was sie sagt. Sie konnte die Sachen noch normal formulieren.“ Schuldzuweisungen habe Beate H. in dieser Vernehmung nicht geäußert, Wä. hätte intuitiv wahrgenommen, dass sie über den Ablauf der Ereignisse während dieses Einsatzes im Ganzen unzufrieden gewesen wäre. Auf einem Stichpunktzettel habe der vernehmende Beamte Karsten Wä. sich noch notiert, dass die Zeugin während der Begebenheiten gehört hätte, wie die Brandschutztüren geschlossen hätten. Dies habe er nicht auf Tonband gesprochen, da Beate H. es erst erwähnt habe, als er bereits fertig damit gewesen sei. Dies habe er aber möglicherweise für relevant gehalten, um mittels technischer Aufzeichnungen zeitliche Abläufe rekonstruieren zu können. Weitere nicht diktierte Sachverhalte habe es laut dem Befragten nicht gegeben. „Der Zustand war nicht mehr so emotional, wie zum Kern der Vernehmung.“, als es beispielsweise um die Schilderungen des plätschernden Geräusches gegangen sei, so der 43-jährige heute.

„Völlig von der Rolle“ beschreibt Beate H. laut Vorhalt ihrer Zeugenaussage vor Gericht ihren Zustand während der Vernehmung am 07. Januar 2005. Preissner will wissen, ob Wä. diese Wahrnehmung teile. „Den Eindruck hatte ich nicht.“, so der Befragte und fügt hinzu: „Bei Extremfällen schreiben wir einen Vermerk dazu.“ „Das war ein Kommen und Gehen“, gibt Preissner Beate H.s Zeugenaussage vor Gericht wieder und spielt damit auf die ungünstigen Räumlichkeiten während der Vernehmungen an. Dies bestätigt Karsten Wä. mit den Worten: „Ideal war der Raum nicht.“ Phasenweise sei es ruhig gewesen manchmal sei jemand in den Raum gekommen. Von den laufenden Vernehmungen rechts- und linksseitig des Durchgangszimmers habe man aufgrund der geschlossenen Türen nichts mitbekommen, gibt der Vernehmungsbeamte zu Protokoll.

Auf eine entsprechende Frage Preissners gab er an: „Ich fühlte mich eigentlich fit, zumal ich solche Vernehmungspraxis gewöhnt bin.“ Bezüglich seiner Vernehmungsergebnisse habe es laut Aussage des Zeugen von Seiten der Gerichte nie Kritik gegeben.

„Ja daran erinner ich mich“, so Karsten Wä. auf die Frage der Nebenklagevertreterin Regina Götz, ob er noch wisse, dass Beate H. während ihrer Vernehmung von ihm zunächst auf Band gesprochene Passagen korrigiert habe. „Mindestens ein- bis zweimal“, konkretisiert der Polizeibeamte. „Wie häufig haben Sie Vernehmungen?“, fragt Götz den Zeugen zu seinem Arbeitsalltag in der Polizeidirektion Stendal. „Vernehmungen finden im Monat ein paar mal statt“, so der Befragte. Dass sei sehr unterschiedlich, da man das Fallaufkommen nie voraussehen könne. Die Vertreterin der Mutter Oury Jallohs möchte nun wissen, ob er den Fall Jalloh auf Grund seiner Berufserfahrung als „besonders“ eingestuft hätte. „Definitiv kein Durchschnittsfall, der hatte schon eine besondere Brisanz. Das war uns allen klar.“, so der Zeuge weiter dazu. „Für mich war es eine Todesermittlungssache, dass muss ich ganz klar sagen“, führt W. außerdem aus. Götz hakt nach und stellt die Frage ob ihm auch klar gewesen wäre, dass der Aussage Beate H. womöglich eine entscheidende Bedeutung zu kommen könnte. „Mir war schon klar, dass das wichtig ist. Vor allem deshalb, weil Beate H. die Abläufe unmittelbar mitbekommen hat“, sagt der Befragte. „Der Knackpunkt war für mich die Situation im DGL-Raum. Wann hat wer mitbekommen, dass da was außerhalb der Reihe läuft“, schätzt der 43jährige ein. Ihm sei auch erinnerlich, dass Beate H. in ihrer Vernehmung etwas aufgeregt gewirkt habe, als das „Plätschern in der Zelle“ zur Sprache gekommen sei. Davon habe sie mit gesteigerter Intensität gesprochen. „Vielleicht hat das ja etwas damit zu tun (der Brandursache in Zelle Fünf, Anm. d. Red.)“, interpretiert der Zeuge heute die mögliche Aufregung Beate H.s und beschreibt damit zugleich seine damaligen Überlegungen.

Regina Götz möchte von Karsten Wä. wissen ob er sich noch daran erinnern könne, was Beate H. zum Anspringen der Brandmeldeanlage ausgesagt habe. Sie habe „zeitlich mitbekommen“, dass diese angesprungen wäre. Aus seiner Erinnerung paraphrasiert der Befragte die damalige Aussage Beate H.`s: „Der DGL hat es (den akustischen Alarm der Brandmeldeanlage; Anm. d. Red.) halt ausgedrückt und dass er dann noch einmal – im zeitlichen Ablauf – ausgedrückt wurde“. Außerdem wisse er noch genau das Beate H. ausgesagt habe, dass sie Frau T. insgesamt zweimal angerufen habe (mehr dazu hier…). Deshalb habe er in seiner Funktion als Vernehmungsbeamte im Fall Jalloh am 10. Januar 2005 mit Frau T. gesprochen.

„Dann hat sich alles überschlagen. Runtergehen, sie hört den Schlüssel und dann hört sie `Macht mich los!` und `Feuer`“, fasst Karsten Wä. die Passagen der Aussage Beate H.`s zusammen, die ihm besonders im Gedächtnis geblieben seien. Götz fragt den Zeugen nun ob ihm bekannt sei, das Beate H. ihre Aussage „mehrmals modifiziert“ habe. Das wisse er und fügt hinzu: „Für mich war die Aussage schlüssig und auch glaubhaft“.

Felix Isensee setzt die Befragung für die Nebenklage fort. „Ich habe das doch ausgesprochen, wie ich es erlebt habe.“ zitiert Isensee eine Passage aus den Akten. Das Zitat stamme von Beate H., fügt er zum Verständnis hinzu. Nochmals erläutert der Zeuge daraufhin, welchen Eindruck er bei seiner Vernehmung von Beate H. gehabt habe und erläutert die Methode, mit der er letztlich die Aussage aufgenommen habe. Sie habe Aussagen getroffen, die er dann für die Bandaufnahme strukturiert und mit seinen eigenen Worten paraphrasiert habe. Dann habe er der Zeugin Beate H. die Passagen nochmals vorgespielt: „Ich hätte das niemals so einfach über das Band gezogen“.

„Wie wichtig sind Vernehmungen in ihrem Bereich, im FK 2“, fragt Isensee danach. „Eine Vernehmung ist sehr wichtig“, so der Polizeibeamte. Allerdings komme es darauf an, ob es sich um einen Beschuldigten oder einen Zeugen handele.

„Meinen Stichpunktzettel habe ich nicht mehr, falls die Frage kommt. Den habe ich vernichtet“, sagt Karsten Wä. zur Frage, auf welcher Grundlage er den nachträglichen Vermerk über das Schließen der Brandschutztüren in das Vernehmungsprotokoll zur Zeugin Beate H. eingeführt habe.

Er bestätigt zudem, dass er am 17. März 2005 von Oberstaatsanwalt Preissner zur Vernehmung der Beate H. befragt worden sei.

Außerdem sagt er aus, dass er am 10. Januar 2005 seinem Vorgesetzten aus der Polizeidirektion Stendal die „Sicherstellung technischer Unterlagen“ im Polizeirevier Dessau empfohlen habe. Er habe auch veranlasst, dass eine noch intakte Matratze aus einer anderen Zelle des Gewahrsamstraktes sichergestellt worden sei: „Das war mir wichtig, weil dort die Firma draufstand“.

„Ich meine, dass sie da sicher war, dass war ja ihr Arbeitsplatz“, umschreibt der Zeuge die Verfassung Beate H.`s, als sie mit ihm gemeinsam am 07. Januar 2005 das Pult im DGL-Raum besichtigt habe.

Ulrich von Klinggräff schließt die Zeugenvernehmung für die Nebenklage ab. Der Berliner Rechtsanwalt möchte zunächst wissen ob er ausschließen könne, dass es bei der Befragung Beate H.`s zu einer Unterbrechung gekommen sei. Das könne er ausschließen, da er Unterbrechungen generell auf dem Vernehmungsband dokumentieren würde. So könne er sich noch erinnern, dass es bei der Vernehmung des Polizeibeamten Udo S. (mehr dazu hier…) zu einer Unterbrechung gekommen sei.

Angesprochen auf den möglichen Grund seiner eigenen staatsanwaltschaftlichen Vernehmung, sagt der 43jährige: „Mir wurde erklärt, dass es von Beate H. eine andere Darstellung gegeben hat“. Außerdem führt er dazu aus: „Da wurden plötzlich detaillierte Zeiten von ihr genannt, die vorher nicht genannt wurden“. Ulrich von Klinggräff fragt an diesem Punkt nach: „Halten Sie es für möglich, dass sie in diesem Bereich des Geschehens (Alarmauflauf im DGL-Raum, Anm. d. Red.) Beate H. nicht nach Zeiten gefragt haben?“ Das kann sich der Zeuge nicht vorstellen. „Sie konnte keine Uhrzeit nennen und sie hat auch keine Uhrzeit genannt“, ist sich der Zeuge heute sicher. Außerdem ergänzt der Zeuge: „Da mit genauen Zeiten zu hantieren, dass hätte mich stutzig gemacht“. Wenn man im Stress stehe, schaue man schließlich nicht auf die Uhr. „Ich glaube es ging auch darum, dass ich das nicht so niedergeschrieben haben soll, wie sie es gesagt haben soll.“, benennt der Zeuge einen weiteren möglichen Grund seiner Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft Dessau.

„Seite 11 ist natürlich der Bereich, wo es zur Alarmauslösung kam“, sagt der Zeuge von Klinggräff darauf angesprochen ob er noch wisse, was auf dieser Seite in dem von ihm gefertigten Vernehmungsprotokoll der Beate H. stehe.

„Gab es bei ihrer Ankunft im Zellentrakt eine Sicherung des Tatortes?“, will der Nebenklageanwalt wissen. „Das kann ich nicht sagen“, antwortet der Stendaler Polizist. Danach befragt, an welche Kollegen der Tatortgruppe er sich erinnern könne, sagt der Zeuge aus: „An Herrn St. und den Herrn Hei.“ Das wisse er deshalb noch so genau, weil er öfters mit diesen Beamten zu tun habe und sie außerdem namentlich kenne. „Ich habe auf den Kacheln da unten Wasser gesehen, eine kleine Wasserfläche. Das weiß ich noch ganz genau“, so der Zeuge zu einer seiner Wahrnehmungen in der Zelle Fünf. „Wussten Sie damals oder wissen Sie heute, dass es definitiv Wasser war?“, möchte Klinggräff wissen. Das könne er nicht einschätzen, gibt der Beamte zu Protokoll. „Wenn man in die Zelle reinkam, rechts neben dem Podest mit der Leiche“, erinnert sich Karsten Wä. an den Standort der vermeintlichen Wasserlache.

Der Verteidiger des Hauptangeklagten fragt den Zeugen zunächst nach seinem Studium, den Inhalten seiner Ausbildung und ob dazu auch das Fach Psychologie gehört habe. Dies bestätigt der Befragte. Teuchtler will wissen, ob ihm die einzelnen Charaktertypen bekannt seien und wie er die Gemütslage Beate H.`s auf Grundlage seiner Ausbildung einschätze. „Es gibt ja definitiv so etwas wie den ersten Eindruck, davon bin ich überzeugt“, sagte Karsten Wä. Im Endeffekt sei Beate H. ja eine Kollegin gewesen. „Der Eindruck war gut“, sagt er zur Einschätzung des Aussageverhaltens der Beate H. „Sie war keine eingeschränkte Person sondern eine, die sich reinknien kann“, so der 43jährige weiter. „Definitiv nicht“, sagt der Zeuge zur Frage Teuchtlers, ob Beate H. auf ihn den Eindruck gemacht habe, in einem Schockzustand zu sein. „Ich hatte den Eindruck das sie das so rüberbringt, wie sie es erlebt hat. Objektiv und subjektiv“, so Karsten Wä.

Außerdem sagt er auf Nachfrage Teuchtlers, dass Beate H. das Formblatt des Vernehmungsprotokolls nach Beendigung der Befragung unterschrieben habe. „Hat es sie persönlich betroffen gemacht, dass Frau H. ihre Aussage später relativiert hat“, fragt der Verteidiger des Hauptangeklagten. „Einerseits ja“. So der Zeuge. Dies sei aber aus seiner Sicht verständlich, gehe es hier doch um eine „menschliche Tragödie“. „Das ist auf alle Fälle unsere Erfahrungen“, so Karsten Wä. auf die Frage, ob er grundsätzlich davon ausgehe, dass die erste Vernehmung eines Zeugen die glaubwürdigste sei. „Sind Sie bei der Vernehmung je auf Idee gekommen, das Frau H. in die Beschuldigtenrolle kommen könnte?“, so Teuchtler zum Zeugen. „Nein“, so der Befragte kurz und bündig. „An dem Abend (07. Januar 2005; Anm. d. Red.) habe ich vielleicht schon gedacht, dass da etwas schiefgelaufen ist“, so Karsten Wä. auf die Frage, ob ihm am ersten Tag seines Einsatzes bereits klar gewesen sei, dass gegen Andreas S. im Fall Oury Jalloh ermittelt werden könne. Die strafrechtliche Relevanz wäre ihm aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar gewesen. „Gab es einen Ermittlungsdruck?“, will der Verteidiger weiter wissen. Das verneint der Zeuge ausdrücklich, erwähnt in diesem Zusammenhang jedoch die Medienberichterstattung über den Fall. Außerdem habe der Zeuge keine Idee, wie die Kernelemente der Aussage Beate H.`s an die Presse gelangt sein könnte.

„Ich kann das nicht ausschließen. Mir ist schon klar, wenn man das jetzt mit Abstand sieht, dass Frau Beate H. unter großem Druck stand“, so der 43jährige Beamte auf die spekulative Frage Isensees, ob er sich vorstellen könne, dass Beate H. von Kollegen des Reviers wegen ihrer Aussage unter Druck gesetzt worden sein könne.

Richter Steinhoff entlässt nach zweistündiger Befragung den Zeugen unvereidigt.

 

Prozessbeobachtergruppe: prozessouryjalloh.de