44. Prozesstag

Juni 16, 2008

„Wir wissen nicht, wie sich Herr Jalloh in seinen letzten Lebensminuten bewegt hat. Wir kennen nur die Stellung des Leichnams.“

16. Juni 2008 // 8.00 – 8.20 Uhr

Richter Steinhoff ordnet den insgesamt 4. Nachbrandversuch an

Nach nicht einmal 20 Minuten ist der 44. Prozesstag in der Hauptverhandlung um den Feuertod Oury Jallohs bereits wieder Geschichte. „Eigentlich kann ich nur ein bisschen berichten und das war`s dann schon wieder.“, eröffnet der Vorsitzende Richter Steinhoff die Sitzung.

„Wie Sie an den Ergebnissen sehen, ist das nicht ganz realistisch.“

Der von ihm in der letzten Verhandlung (mehr dazu hier…) in Auftrag gegebene dritte Nachbrandversuch, habe am vergangenen Freitag stattgefunden. „Wie Sie an den Ergebnissen sehen, ist das nicht ganz realistisch.“, sagt er zum vorliegenden Bericht, den die Prozessbeteiligten heute im Gerichtsaal ausgehändigt bekommen haben. Zur möglichen Ursache des unbefriedigenden Ergebnisses sagt Steinhoff: „Ich vermute, dass das nicht die richtige Matratze war.“ Womöglich sei der Matratzenbezug ein anderer, als in den vorangegangenen Versuchen: „Das ergibt viel weniger Hitze, das lässt sich nicht vergleichen.“

„Jetzt machen wir natürlich noch einen Versuch.“

„Jetzt machen wir natürlich noch einen Versuch.“, verkündet Steinhoff die Entscheidung der Kammer, das Feuerwehrinstitut Sachsen-Anhalt mit einer vierten Nachstellung des Brandes zu betrauen. Dazu sollen die Experten einen Teil einer Matratze verwenden, dass von einem vorhergehenden Experiment noch übrig sei. Diese Versuchsreihe werde noch im Juni stattfinden und wenn alles klappt, könnten die Ergebnisse dann in der Verhandlung am 04. Juli 2008 zur Sprache kommen.

Oberstaatsanwalt Christian Preissner sagt, dass er beim letzten Versuch in Heyrothsberge anwesend gewesen wäre und dabei wahrscheinlich vor der Versuchshalle die Matratze gesehen habe, die in der erneuten Reihe verwendet werden solle: „Die müsste dann noch einmal durchgetrocknet werden.“ Außerdem regt der Anklagevertreter an, den Versuch zu erweitern: „Wir brauchen zusätzliche Fühler (Messgeräte die die Temperatur beim Versuch aufzeichnen; Anm. d. Red.) und sollten eine zweite Ebene anlegen.“

Richter Steinhoff dazu: „Wir haben schon eine zweite Ebene.“ Er konkretisiert die Versuchsanordnung, die aus insgesamt 12 Messfühlern bestehe: “Wir haben eine Linie, Kopf zur Seite und Richtung Brandausbruchsstelle.“

„Solange wir nicht wissen ob das Material identisch ist, kriegen wir keinen verwertbaren Versuch hin.“

Rechtsanwalt Attila Teuchtler, der den Hauptangeklagten Andreas S. verteidigt, findet die Ergebnisse der letzten Nachstellung „völlig unverständlich“. Nirgendwo tauchten dort die „345 Grad“ aus den anderen Versuchen auf. Steinhoff äußert erneuert darauf seine Einschätzung, dass wahrscheinlich das falsche Matratzenfabrikat verwendet worden sei. Teuchtler bleibt skeptisch: „Solange wir nicht wissen ob das Material identisch ist, kriegen wir keinen verwertbaren Versuch hin.“ Entscheidend für einen Brandverlauf und die entstehenden Temperaturen sei so zudem die Frage, wie viel FCKW bei der Produktion der Matratze verwenden worden sei. Außerdem habe er mit einem Physiker über die Anordnung der Nachbrandversuche geredet. Dieser habe große Bedenken geäußert, weil die Messfühler an einer Metallkette angebracht seien. Da diese Wärme weiterleiten, könnten dadurch die Ergebnisse verfälscht werden. Richter Steinhoff stellt klar, dass die Fühler nicht an einer Kette angebracht seien.

„Und wenn wir noch 25 Versuche machen.“

Oberstaatsanwalt Preissner möchte für die Einordnung und Bewertung der verwendeten Materialien einen Chemiker als Sachverständigen hinzuziehen. Außerdem sagt er an Teuchtler gerichtet: „Wir wissen nicht, wie sich Herr Jalloh in seinen letzten Lebensminuten bewegt hat. Wir kennen nur die Stellung des Leichnams.“ Die Wirklichkeit könne man nicht nachstellen: „Und wenn wir noch 25 Versuche machen.“

Prozessbeobachtergruppe: http://www.prozessouryjalloh.de

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