50. Prozesstag

September 5, 2008

05. September 2008  //  9.00 – 13.30 Uhr

„Findet man einen Nullwert bei Kohlenmonoxid kann man davon ausgehen, dass der Mensch schon vorher tot war.“

Gerichtsmediziner wird zur Obduktion des Leichnams befragt

„Heute ist der 50. Wollen Sie damit irgendetwas bestimmtes zum Ausdruck bringen?“, scherzt Richter Steinhoff  und spielt damit auf das verspätete Escheinen des Angeklagten Hans-Ulrich M. und dessen Verteidigers an. Der 50. Prozesstag in der Hauptverhandlung um den Feuertod Oury Jallohs in einer Dessauer Polizeizelle widmet sich ausschließlich dem gerichtsmedizinischen Gutachten. Dazu macht Prof. Dr. Kleiber vom gerichtsmedizinischen Institut in Halle, der damals den Leichnam Oury Jallohs untersuchte, zunächst ausführliche Angaben.

„Die Obduktion des Oury Jalloh hat noch am gleichen Tag stattgefunden.“

„Die Obduktion des Oury Jalloh hat noch am gleichen Tag stattgefunden.“, sagt Kleiber zum Zeitpunkt der Sektion und meint damit, dass die Leiche noch am Brandtag in sein Institut überstellt worden sei. „Wir wussten zu dieser Zeit schon, dass sich kein Kohlenmonoxid im Blut des Toten befand.“, so der Sachverständige weiter. Dieser Befund sei für Gerichtsmediziner immer ein Alarmzeichen, da bei 80 bis  90% der Brandopfer dieses Gas im Körper nachweisbar sei: „Findet man einen Nullwert bei Kohlenmonoxid kann man davon ausgehen, dass der Mensch schon vorher tot war.“ Dieses Ergebnis schließe beispielsweise einen Tod durch Ersticken, beispielsweise durch Rauchgase, aus. Der Körper Oury Jallohs wäre zudem „hochgradig am gesamten Körper verkohlt“ gewesen. Die Mitarbeiter des Institutes hätten zudem wenige Rußpartikel im Magen, der Speiseröhre und Luftröhre feststellen können: „Das sind Hinweise auf ein bis zwei Atemzüge in einer rußhaltigen Luft.“ Alle ausführlichen Untersuchungen hätten keinerlei Anhaltspunkte dafür geliefert, dass eine schwerwiegende bereits bestehende Vorerkrankung bestanden habe. Ebenso, so Kleiber weiter, habe sein Team keine Hinweise auf „eine Gewaltanwendung vor dem Brandausbruch“ finden können. Als explizites Beispiel für diesen Befund nennt er die intakten Schädelknochen, die keine Verletzungen aufgewiesen hätten. Der Gerichtsmediziner macht hier jedoch eine Einschränkung. Auf Grund des starken Verkohlungsgrades der Leiche sei es nicht möglich gewesen, oberflächliche Verletzungen, beispielsweise Hautabschürfungen, gänzlich auszuschließen oder sicher nachzuweisen. Die Untersuchen hätten zudem gezeigt, dass sich „keine tödlichen Gifte“ im Körper Oury Jallohs befunden hätten.

„Wir können ganz sicher sagen, dass nach Ausbruch des Brandes diese Einatmung nur wenige Atemzüge betragen hat.“

Allerdings habe man eine „hochgradige Einwirkung von Rauchmitteln“ diagnostiziert. Im Blut Oury Jallohs habe man so Marihuana, Kokain und deren Abbauprodukte, sowie einen erheblichen Alkoholwert festgestellt. Nach Angaben Kleibers, soll der Blutalkoholwert bei nahezu 3 Promille gelegen haben. Der Gerichtsmediziner spricht hier von einer „Mischtoxikation“, sagt aber zugleich: „Eine tödliche Konzentration war das nicht.“  Eine mikroskopisches Verfahren habe ergeben, dass auf der Kehlkopfschleimhaut, in den Bronchien und der Lunge „typische Hinweise für eine Hitzeeinwirkung“ festgestellt worden seien. Damit schließt Professor Kleiber aus, dass Oury Jalloh erst nach seinem Tod den Flammen ausgesetzt gewesen sein könnte: „Diese Befunde in der Lunge sind für eine Hitzeeinwirkung typisch.“ Der medizinische Ausdruck für diese Todesursache firmiere unter der Bezeichnung „inhalativer Hitzeschock“. Inhalativ deshalb, war die tödlichen, heißen Gase durch die Atemwege aufgenommen würden: „Wir können ganz sicher sagen, dass nach Ausbruch des Brandes diese Einatmung nur wenige Atemzüge betragen hat.“  Prof. Kleiber erläutert weiter: „Das Einatmen sehr heißer Gase, selbst bei Wasserdampf, führt zu einem reflexartigen Tod.“ Dieser würde letztlich durch ein Kreislaufversagen und einen Herzstillstand ausgelöst.

„Wir müssen davon ausgehen, dass ein Mensch in dieser Todeskampfsituation sich hin und her bewegt und stoßweise ein- und ausatmet.“

Der Gerichtsmediziner bekräftigt, dass er sich bei seiner Beurteilung in einem „gewissen Disenz zum Brandsachverständigen“ befinde. Für diesen seien mögliche Luftverwirbelungen vielleicht nicht so relevant, für Kleiber jedoch schon. Die statischen Nachbrandversuche am Feuerwehrinstitut könnten diesen Faktor nicht adäquat berücksichtigen: „Wir müssen davon ausgehen, dass ein Mensch in dieser Todeskampfsituation sich hin und her bewegt und stoßweise ein- und ausatmet.“  Diese keuchartige Atmung müsse dazu führen, dass Luftverwirbelungen entstehen, die wiederum für den Verlauf eines Hitzeschocks entscheidend sein könnten: „Die gezielte Einatmung der heißen Gase im Todeskampf“, habe letztlich zum Tod geführt. Deshalb könne es sein, dass diese Verwirbelungen die notwendigen und zum Tode führenden heißen Temperaturen erzeugt haben könnten. „Sonst dürfte keiner von uns in die Sauna gehen.“, sagt der Professor weiter und spielt damit auf die Meßergebnisse einiger Nachbrandversuche an, die im angenommen Zeitfenster nicht die für einen Hitzeschocktod erforderlichen Temperaturen nachgewiesen hätten. Aus Sicht Kleibers habe das damit zu tun, dass diese Versuche eben nicht die Verwirbelungen berücksichtigen würden.

„Innerhalb einer Minute muss es geschehen sein.“

„Sie haben gesagt, dass es ein schneller Tod ist. Lässt sich das in irgendeiner Form eingrenzen?“, möchte der Vorsitzende Richter vom Gutachter wissen. „Ein Reflextod ist schlagartig, der Kreislauf kommt zum Stillstand.“, antwortet Kleiber. Im Fall Oury Jallohs quantifiziert der Sachverständige diese Zeit auf „innerhalb weniger Atemzüge“ und konkretisiert später: „Innerhalb einer Minute muss es geschehen sein.“ Außerdem führt er dazu aus: „Der Bewußtlosigkeitseintritt und der Todeseintritt sind nahezu zusammen gefallen.“

Ab 180 Grad könne ein inhalativer Hitzeschock zum Tode führen. Diese Angabe habe er der Fachliteratur entnommen. Oury Jalloh müsse demnach mindestens 3 Atemzüge eines auf eine solche Temperatur erhitzten Gases eingeatmet haben und dies in unmittelbarer Nähe zum Brandherd.

Nach einer Inaugenscheinnahme am Richtertisch möchte Oberstaatsanwalt Christian Preissner vom Gutachter wissen, wie er sich den Umstand erkläre, dass bei der Sektion kein Kohlenmonoxid im Leichnam gefunden worden sei. Kleiber sagt, dass dieses Gas bei einem Brand zunächst nach oben steige und sich dann allmählich wieder absenke. Zum Todeszeitpunkt, schlussfolgert er, könne sich deshalb kaum Kohlenmonoxid in Bodennähe befunden haben. Allerdings, so Kleiber weiter, wäre für einen Hitzeschocktod nicht zwingend dieses Gas erforderlich. Auch aufgeheizte Luft würde reichen, um diesen Schockzustand auszulösen.

„Es hat eine 1 mal 2 Meter große Herdplatte bestanden, auf der er lag.“

Nebenklagevertreterin Regina Götz befragt den Gerichtsmediziner zunächst zu den Umständen der Obduktion und den daraus resultierenden Untersuchungsbericht. Zunächst möchte sie wissen, welche Bedeutung die Erwähnung von Rußpartikeln in der Lidspalte zukommen würde. Dies, so Kleiber, würde auch bei Brandopfern zum üblichen Prozedere einer Obduktion gehören. „Es hat eine 1 mal 2 Meter große Herdplatte bestanden, auf der er lag.“, sagt Kleiber zum Brandverlauf und spielt damit auf die Hitze an, die der brennende Schaumstoff in der Matratze erzeugt habe. Die Hitze sei schließlich so groß gewesen, dass selbst der als nichtbrennbar deklarierte Matratzenüberzug verkohlt worden sei.

„Allein vom Alkoholwert her, würde ich das als schweren Rauschzustand beschreiben.“

„Allein vom Alkoholwert her, würde ich das als schweren Rauschzustand beschreiben.“, sagt der Gutachter auf die Frage, inwieweit die Wahrnehmungen und das Verhalten Oury Jallohs durch dessen Alkohol- und Drogenkonsum beeinträchtigt gewesen sein könnten. „Ein logisches, zielgerichtetes Verhalten, auch bei alkoholgewöhnten Menschen, war nicht mehr gegeben.“, so Kleiber weiter. Allerdings könne man nicht mit Gewissheit sagen, wie stark diese Einschränkungen bei Oury Jalloh nun tatsächlich gewesen wären. Dies hinge von vielen Faktoren ab, die sich im Nachgang nicht bewerten ließen. Er geht jedoch davon aus, dass die elementaren Fluchtreflexe bei Oury Jalloh noch vorhanden waren.

„Er war ja eindeutig wach.“

Auf Nachfrage bestätigt er zudem, dass bei alkoholisierten Menschen das Schmerzempfinden herabgesetzt sei. Für ihn hätten aber etliche Zeugenaussagen gezeigt, dass Oury Jallohs Beeinträchtigungen nicht so stark gewesen wären, dass er beispielsweise kurz vor einer Bewußtseinsreduzierung gestanden habe: „Er war ja eindeutig wach.“ Außerdem schließt sich Kleiber der Einschätzung der Nebenklagevertreterin an, dass er auch in der Zelle zum Teil noch adäquat reagiert habe: „Adäquat in dem Sinne, dass er gesagt hat: `Mach mich los, ich will hier raus`“.

Regina Götz fragt den Gutachter, wie oft er in seinem beruflichen Alltag mit der Untersuchung von Brandopfern beauftragt sei. Kleiber antwortet, dass er im Jahr mehrere solche Obduktionen durchführen würde. „Nach meiner Schätzung nicht mehr als zwei, drei oder vier Prozent“, antwortete der Gutachter auf die Frage, wie hoch der Anteil bei Brandopfern sei, die tatsächlich an einem Hitzeschock sterben würden. Der 66-jährige Gerichtsmediziner habe bereits 40 Jahre Berufserfahrung auf diesem Gebiet.

„Ich gehe davon aus, ich habe es jetzt nicht nachgeprüft.“, sagt der Gerichtsmediziner auf die Frage, ob die Untersuchungspräparate noch in seinem Institut lagern würden.

Sie kennen ja sicherlich diese andere Sektion, die in Frankfurt gemacht wurde?“

Kleiber gibt zu Protokoll, dass er an der Sektion des Leichnams persönlich teilgenommen habe. Allerdings sei er erst nach Beginn der Obduktion durch seine Kollegen gerufen worden. Diese hätten die Brisanz des Falles erkannt und dann ihn als Institutsleiter hinzu gerufen.  Außerdem erinnere er sich noch daran, dass damals auch die Tatortgruppe des Landeskriminalamtes vor Ort gewesen sei. „Sie kennen ja sicherlich diese andere Sektion, die in Frankfurt gemacht wurde?“, fragt Regina Götz den Gutachter. Sie spielt damit auf eine weitere Obduktion an, die auf Initiative der Nebenklage durchgeführt wurde. Kleiber sagt, dass er sich über die Ergebnisse dieser Sektion kein abschließendes Urteil erlauben könne, weil er den Bericht nicht im Detail kenne.

Gebrochene Handgelenke durch Folter, dafür haben wir keine Anzeichen gefunden.“

„Ausgeschlossen haben wir sie nicht, wir haben sie nicht gefunden.“, sagt er auf die Frage nach einer Nasenbeinfraktur, die sein Frankfurter Kollege bei der Obduktion diagnostiziert habe. „Gebrochene Handgelenke durch Folter, dafür haben wir keine Anzeichen gefunden.“, sagt Kleiber weiter. Nach seiner Einschätzung hätten die Kollegen in Frankfurt die Nasenbeinfraktur mit Hilfe eines Spiralcomputertomographen festgestellt. Am Institut in Halle würde die Möglichkeit einer solchen Untersuchungsmethode nicht bestehen. „Denkbar ist das.“, antwortet der Gutachter auf die Frage, ob knöchernde Verletzungen bei einer Sektion übersehen werden könnten. „Die Anregung bezog sich auf knöchernde Verletzungen.“, erinnert er sich an ein Telefonat mit dem zuständigen Leitenden Oberstaatsanwalt. Dieser habe in dem Gespräch explizit nachgefragt, ob sein Team Verletzungen an den Handgelenken festgestellt habe. Kleiber stellt auf Vorhalt aus einer Akte durch Ulrich von Klinggräff zudem klar, dass der Leitende Oberstaatsanwalt kein Bedarf für eine Nachsektion gesehen habe. Nach seine Wahrnehmung wäre die Motivation des Staatsanwaltes, ihn ausdrücklich auf die Handgelenke anzusprechen, weil in einem Medienbericht davon die Rede gewesen sei, Jallohs Handgelenke wären gebrochen gewesen. „In diesem Punkt bin ich mir sicher.“, bekräftigt er nochmals seinen Befund, dass Jallohs Handgelenke keine Verletzungen aufgewiesen hätten.

„Sprechen wir es doch aus: Sie denken an einen Faustschlag.“

„Sprechen wir es doch aus: Sie denken an einen Faustschlag.“,  sagt Kleiber zu Regina Götz und deren Frage nach der Nasenbeinfraktur. Kleiber betont nochmals, dass er sich hier kein Bild machen könne, weil er den Befund seines Kollegen aus Frankfurt nicht kenne. Schließlich, so Kleiber weiter, hätten mehrere Zeugen berichtet, dass sich Jalloh heftig gewehrt habe und mit dem Kopf gegen die Wand und eine Tischplatte gestoßen habe.

„Die Röntgenbilder haben wir bis heute nicht.“

„Worüber reden wir hier eigentlich?“, hakt Richter Steinhoff nun ein. Er sagt zur Nebenklage, dass er deren Befragungsstrategie gerade nicht nachvollziehen könne und auch  nicht verstehe, warum hier versucht würde, dem Gerichtsmediziner mögliche Fehler zu unterstellen. „Die Röntgenbilder haben wir bis heute nicht.“, sagt Steinhoff zum Bericht der Obduktion, die die Nebenklage in Frankfurt in Auftrag gegeben habe. Außerdem weist Steinhoff daraufhin das es dieser Gutachter gewesen sei, der in seinem Bericht die Vermutung geäußert habe, die Nasenbeinfraktur könnte auch beim Transport des Leichnams entstanden sein.

Im Anschluss der Pause, fünf Minuten nach Zwölf, kommt der Nebenklagevertreter Felix Isensee noch einmal auf die Sektion zurück. Der Gerichtsmediziner Kleiber sei in der laufende Sektion erst dazugekommen, habe den Leichnam aber dann auch selbst in Augenschein genommen. Auf eine helle Färbung des Blutes befragt, entgegnet Kleiber, dass sie darauf speziell geachtet hätten, da dies ein Anzeichen für Kohlenmonoxidgehalt sei. „Optisch“ hätten sie diesbezüglich nichts festgestellt, um sicher zu gehen, habe noch am selben Abend eine chemische Analyse statt gefunden. Hierbei sei kein Kohlenmonoxid festgestellt worden. Weiter hakt Isensee zur Farbe der Muskulatur des verstorbenen Oury Jalloh nach.

Der Gerichtsmediziner bestätigt nun, dass diese „denaturiert und farblich verändert“ gewesen sei, „blass rot und lachsfarben“, was einen Hinweis auf Kohlenmonoxid darstelle. Folglich sei die Betrachtung der Lunge in diesem Fall von besonderer Bedeutung gewesen, um nähere Auskünfte zur Todesursache machen zu können, da Kohlenmonoxid als Todesursache nicht in Frage käme. In dieser habe er Epithelveränderungen sowie Substrat (Ruß) festgestellt. Dies deutet darauf hin, dass Oury Jalloh an einem inhalativen Hitzeschock verstorben sei.

„Deutlich sichtbar, aber noch deutlich im unteren Drittel.“

„Deutlich sichtbar, aber noch deutlich im unteren Drittel.“ (auf einer Skala von „gar nichts bis viel“, Anm. d. Red.) bzw. als „wenig oder spärlich“ beantwortet der Gerichtsmediziner die Frage nach der Mengenangabe des festgestellten Rußes. Das Vorhandensein von Ruß, wertet Kleiber als Zeichen von Vitalität Jallohs und begründet dies, damit das Ruß nur zu Lebzeiten in die Lunge kommen könne, nachträgliche Einbringung sein nicht möglich. Die geringe Menge an Rußpartikel weise darauf hin, dass der Verstorbene einerseits wenig Ruß in der Luft gewesen sei, sowie andererseits dieser nur wenig rußhaltige Luft eingeatmet habe. Rußpartikel in Speiseröhre wie Magen könne nur bei vollem Bewusstsein dorthin gelangt sein, da dazu der Schluckreflex nötig sei. Dieser sei ein weiterer Hinweis für die Vitalität Jallohs noch während des Brandverlaufes.

Die Todesursache bei Brandleichen, gibt Kleiber zu Protokoll, sei zu 80% Kohlenmonoxid, einige Tode seien durch Kohlendioxid bedingt, auch wenn diese nicht giftig sei. Sauerstoffmangel bedingt durch Brände mit enormen „Stoffumsatz“, der in der Oxidation „Sauerstoff komplett absaugt“. Bei bestimmten Kunststoffen entstünden Verbrennungsprodukte, die hochgradig giftig seien, im Falle von Polyurethan entstünde hochtoxische Blausäure. Die fünfte Variant wäre der Hitzeschock. Hierzu führt der Gerichtsmediziner Statistiken an, nach denen 26 von 150 Brandopfer an einem Flashfire (Hitzeschock) verstorben seien und bei 13 von diesen 26 Verstorbenen sei zudem kein Kohlenmonoxid festgestellt worden. Kohlenmonoxid werde „postmortem“ (nach dem Tod, Anm. d. Red.) nicht abgebaut.

„Ich weis es nicht, wie ich auf die 90 Grad gekommen bin.“

„Die Todesangst muss er gehabt haben.“

„Ich weis es nicht, wie ich auf die 90 Grad gekommen bin.“, so Kleiber und nimmt diese Angabe in Bezug auf einen inhalativen Hitzeschock heute zurück. Oury Jalloh habe für sein Alter über ein  gesundes Herz verfügt, gibt der Zeuge an und schließt einen Tod bedingt durch Herzversagen aus. „Die Todesangst muss er gehabt haben.“, meint Kleiber und führt einen typischen Todeskampf mit heftigen Bewegungen an. Menschen seien in dieser Situation hochgradig erregt, begleitet von enormen Adrenalinausstößen. Seine Lage hätte Jalloh, Kleibers Einschätzung zufolge, erkannt, wobei der Gerichtsmediziner sich nicht festlegen wolle, ob Jalloh in dieser Situation noch hätte zielgerichtet Handeln können. Ob Jalloh selbst das Feuer hätte gelegt haben können, aus diesen Spekulationen wolle Kleiber sich raushalten. Der äußere linke Rand der Matratze sei der konkrete Todesort Oury Jallohs, dort sei er aufgefunden worden. Eine Lageveränderung durch den Brandvorgang sei auszuschließen, gibt Kleiber zu Protokoll. Dies sei der weitest entfernteste Punkt vom Brandherd für Jalloh, trotz der Fixierung.

Nebenklagevertreter Ulrich von Klinggräff spricht Kleiber auf einen Aufsatz an, indem Kleiber mit zwei weiteren Kollegen der Universität Halle die „Feststellung der Gewahrsamstauglichkeit“ beleuchtet habe. Diese Analyse sei aufgrund der Geschehnisse in Dessau aber auch der generellen Anordnungen diesbezüglich in Sachsen-Anhalt zustande gekommen. Eine Konsequenz dieser Untersuchung sei gewesen, dass eine Präzisierung und Veränderung der Gewahrsamsordnung in Sachsen-Anhalt erfolgt sei. Für sie als Mediziner wäre es völlig unklar gewesen, wieso eine Kameraüberwachung bei fixierten Inhaftierten nicht vorgesehen sie. Sie als Gerichtsmediziner könne dazu nicht anweisen. Dieser Aufsatz sei aber auch im Ärzteblatt erschienen, um die Ärzte die eine Gewahrsamstauglichkeit anordnen, dringend dazu angehalten seien, den Polizeibeamten konkrete Anweisungen zu regelmäßigen Kontrollgängen anderen Maßnahmen zu hinterlassen. Dies sie von den Beamten schriftlich zu quittieren.

„Er hätte sagen können: ‚Nein, aus ärztlicher Sicht nicht.‘“

„Das halte ich für Nonsens diese Meinung.“

Die häufigste Todesursache im Polizeigewahrsam sei laut Kleiber durch Toxikation bedingt. Eine Fixierung an allen vier Gliedmaßen bei Beeinflussung durch Drogen oder Alkohol sei aus ärztlicher Sicht „sehr bedenklich“, aber auch auf psychische Aspekte toxischer Inhaftierter bezogen nicht akzeptabel, gibt der Gerichtsmediziner zu Protokoll. Auf eine mögliche Alternative für den Mediziner Dr. P., der Jallohs Hafttauglichkeit am 07. Januar 2005 bescheinigte, befragt, antwortet Kleiber: „Er hätte sagen können: ‚Nein, aus ärztlicher Sicht nicht.‘“ Dass Dr. P. ausgeschlossen habe, dass Jalloh sich erbrechen und daran ersticken könne, entgegnet Kleiber mit: „Das halte ich für Nonsens diese Meinung.“

Felix Isensee fragt den Zeugen abschließend nach einer Erklärung, für die fehlenden Finger an einer Hand Oury Jallohs. Beim Verbrennen der Matratze mit Polyurethan-Kunststoff-Überzug seien Temperaturen bis zu 800 Grad möglich, so der Gerichtsmediziner, da sei eine vollständige Verbrennung von Knochenmaterial auch denkbar.

Ist es denkbar, das ein brennende Menschen durch das Löschen mit Pulverlöschern sterben können?“

Der Verteidiger des Angeklagten Andreas S. Attilla Teuchtler kommt auf die Kokainabbauprodukte, die im Leichnam Jallohs nachgewiesen wurden, zu sprechen und will vom Mediziner Kleiber wissen, ob Bestandteile dieser Droge noch wirken würden. Dies bejaht der Zeuge. Ferner fragt Teuchtler: „Ist es denkbar, das ein brennende Menschen durch das Löschen mit Pulverlöschern sterben können?“ „Ich hab noch nie davon gehört.“, so der Gerichtsmediziner. Auch habe der Brandgutachter Steinbach berichtet, dass diese Feuerlöscher für die Löschung von Kleidungsbränden an Menschen zugelassen seien, woraus er geschlussfolgert habe, dass dies nicht tödlich sein könne.

Der 30. September wird als Prozesstag ausfallen, gibt der Vorsitzende Richter Steinhoff bekannt. An diesem Tag wird eine weiteres Gutachten, ein Bewegungsversuch, im Feuerwehrinstitut Heyrothsberge stattfinden.

Prozessbeobachtergruppe: http://www.prozessouryjalloh.de