57. Prozesstag

November 28, 2008

28. November 2008 // 9.00 – 13.30 Uhr

„Die Frage, wann jemand im Verlauf des Brands verstarb, stellt sich in anderen Fällen nicht.“

Freiburger Rechtsmediziner nimmt zu neuem Gutachten Stellung /Prozessende ist terminiert

„Das Ergebnis war, dass keine DNA zu finden war, die zu zu ordnen gewesen wäre.“

Den 57. Prozesstag im Todesfall Oury Jallohs eröffnet der vorsitzende Richter Manfred Steinhoff mit dem Ergebnis einer Untersuchung des Feuerzeugrestes aus der Zelle Fünf. Hierbei sollte untersucht werden, ob sich am Rädchen des Feuerzeugs noch DNA-Spuren hätten finden lassen. „Das Ergebnis war, dass keine DNA zu finden war, die zu zu ordnen gewesen wäre.“, so Manfred Steinhoff. Die digitalen Aufzeichnungen von Telefongesprächen und Schmierbüchern aus der Einsatzzentrale der Polizeidirektion, die im letzten Verhandlungstag angefordert wurden, seien nicht aufzufinden gewesen. Der Lagefilm sei wiederum als Beweismittel beim Gericht eingegangen.

Nun beginnt der Sachverständige Michael Bohnert, Leiter des Institutes für Rechtsmedizin der Universität Freiburg, seine Ausführungen zum Gutachten, welches er erstellt hat. Nach dem Rechtsmediziner Kleiber der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sollte er sich nochmals der Frage möglicher Vitalitätszeichen und zum konkreten Todeszeitpunkt im Verlauf des Brands anhand des Leichnams widmen. Er referiert zunächst 45 Minuten zu seinem erstellten Gutachten und will Auskunft geben über Details der Einwirkung großer Hitze auf den menschlichen Körper im Allgemeinen und hinsichtlich des Todes Oury Jallohs im Speziellen.

Eingangs macht er Ausführungen hinsichtlich der schädlichen Wirkung von Hitze auf den menschlichen Organismus im Allgemeinen. Für den Eintritt des Todes sei vorrangig die Dauer und Temperatur der Einwirkung auf den Körper entscheidend, aber auch andere Faktoren wie das Einatmen von Rauchgasen, wie Kohlenmonoxid und Zyanid, würden eine Rolle spielen. Wenn Kohlenmonoxid im Blut des Brandopfers nachweisbar wäre, sei davon auszugehen, dass sich die Person bei Brandausbruch noch am Leben befunden haben müsse. Ferner sei eingeatmeter oder verschluckter Ruß in den Atemwegen oder im Magen ein Zeichen für Vitalität des Opfers zu Ausbruch des Brands und zunächst unbestimmbare Zeit danach, da der Ruß aktiv eingeatmet werden müsse.

„Wir haben keine Ahnung, wie das abläuft.“

Laut dem Rechtsmediziner sei alles unterhalb 10 Prozent Kohlenmonoxid im Blut, hinsichtlich dem Tod, zu vernachlässigen. Bei einem Raucher, der 20 Zigaretten am Tag rauche, seien bereits sechs Prozent Kohlenmonoxid im Blut feststellbar. „Wir haben keine Ahnung, wie das abläuft.“, so der Zeuge und meint damit den pathophysiologischen Mechanismus während eines Hitzeschocks. Manche Brandopfer würden beispielsweise einen Kleiderbrand überleben und Tage später an den Folgen erst sterben. Dann würden sie als Rechtsmediziner nach anderen Faktoren suchen, um die Todesfälle aufzuklären. Wenn kein Kohlenmonoxid, kein Zyanid und kein Ruß im Leichnam gefunden werde, sei dies ein Anzeichen für eine Inhalationshitzeschock. Ergänzend fügt er hinzu, dass der Tod in diesen Fällen sehr schnell eintreten würde. Schwellung und Rötung des Kehlkopfdeckels und der Schleimhaut oder Einwirkung von Ruß seien weitere Anzeichen für Vitalität des Opfers über den Brandausbruch hinaus.

In seinen weiteren Ausführungen kommt der Rechtsmediziner speziell auf die Untersuchungen des verstorbenen Oury Jalloh zu sprechen. Die Oberfläche des Leichnams sei zu 100 Prozent verbrannt gewesen, diese Verbrennung seien mit dritten und vierten Grades einzustufen gewesen. Die fehlenden Glieder der Finger seien seinen Erkenntnissen zufolge bereits bei wenigen hundert Grad möglich, gibt der Zeuge zu Protokoll. Zudem sei die rechte Körperseite vermehrt verbrannt gewesen. Festgestellter Ruß im Magen, zeige dass Ruß und Brandgase im lebenden Zustand verschluckt worden sein müssen. Laut Bohnert sei alles am obduzierten Leichnam Oury Jallohs unauffällig gewesen, außer der Nasenbeinbruch, der sei nicht erklärlich. Hinweis für ein Schädeltrauma sei nicht feststellbar gewesen, Lungenblähung durch Einlagerungen von Brandgasen sei in üblichem Maße festgestellt worden. Laut Befund sei Oury Jalloh Raucher gewesen.

„Er wird rufen – er wird schreien – er wird sich maximal bewegen.“

Das Herz habe Anzeichen hoher Adrenalinausschüttung aufgewiesen. Die Fixierung Jallohs unter Alkohol- und Drogeneinwirkung und der situativen Erregung habe eine sehr hohe Anspannung hervorgerufen. Die Fixierung stark erregter Personen stelle generell ein Problem dar, so der Zeuge. Wenn diese nicht medizinisch sediert – beruhigt – werden, potenziere sich die Erregung nur noch mehr. Diese Situation könne auch zu Herzrythmusstörungen führen. Es gäbe beschriebene Fälle, führt der Rechtsmediziner an, bei denen psychatrische oder intoxikierte Patienten infolge einer Fixierung und Erregung verstorben seien.

„Es reichen in diesem Zustand nur wenige Atemzüge heißer Luft, um zu sterben.“

Der Befund hinsichtlich des Adrenalins im Urin Jallohs spricht dafür, dass der Erregungszustand über einen längeren Zeitraum angehalten haben müsse. „Er wird rufen – er wird schreien – er wird sich maximal bewegen.“, so der 45-jährige Rechtsmediziner, wenn er sich vorstelle, dass ein Mensch fixiert und hoch erregt sei und dann noch Feuer dazu komme. „Es reichen in diesem Zustand nur wenige Atemzüge heißer Luft, um zu sterben.“, so Bohnert. Wichtig sei aber die Gesamtkonstellation der Todesumstände.

Aus Versuchen der US-Armee und der Royal Air Force seien Beispiele bekannt, bei denen der Tod durch Einatmen heißer Luft erst bei 200 Grad Celsius eingetreten sei. Aus Fachliteratur sei aber von 150 bis 160 Grad auszugehen. Temperaturen von 800 Grad Celsius, wie sie in Nachbrandversuchen festgestellt worden seien, würden in kürzester Zeit zum Tode führen, gibt der Rechtsmediziner zu Protokoll.

„Wir haben hier einen Todesfall, bei dem der Brand todesursächlich ist.“

„Wir haben hier einen Todesfall, bei dem der Brand todesursächlich ist.“, resümiert der Zeuge. Für den Rechtsmediziner sei wahrscheinlich, dass der Tod Jallohs nicht weiter als zwei Minuten nach Ausbruch liegen würde. Auch die Toxikation sei nicht zu vernachlässigen. In der früheren Brandphase sei Jalloh noch handlungsfähig gewesen, er müsse gerufen – geschrien haben, als er realisiert habe, dass er sich angesichts des Feuers in Lebensgefahr befinde. Hoch erregt – in panik müsse Jalloh in diesen Momenten gewesen sein.

„Das ist der zentrale Punkt.“

Oberstaatsanwalt Christian Preissner will zunächst wissen, wo der Zeuge bei seiner Zeitangabe von zwei Minuten ansetzen würde. „Ab Ausbruch des Brands – ist aber spekulativ, das gebe ich zu.“, so Bohnert. Es komme aber grundlegend darauf an, wie weit die Matratze aufgerissen sei, damit ein Abbrennen der Matratze von statten ginge. „Das ist der zentrale Punkt.“, so der 45-Jährige. Nach seinen Ausführungen wollen die Prozessbeteiligten zunächst eine Stunde pausieren, um die Erkenntnisse zu reflektieren.

Über den Fall Jalloh habe der Zeuge vor Beauftragung mit dem Gutachten nur überregionale Medien wie Spiegel und Süddeutsche Zeitung gelesen, da er Artikel über Brandgeschehen generell lese. Erst nach der Beauftragung habe er die Prozessbericht im Internet wahrgenommen. Mit dem Sachverständigen Bratzke, der eine Nachsektion im Auftrage der Nebenklage durchgeführt habe, habe sich Bohnert über den Fall unterhalten, aber nicht über konkrete Details. Zudem habe er den Hallenser Rechtsmediziner Kleiber angerufen, um ihm mitzuteilen, dass er den Auftrag erhalten habe. „Kollegiale Höfflichkeit“ gebiete ihm dies, wenn er im regionalen Bereich von Kleiber eindringe. Alle notwendigen Akten habe Bohnert vom Gericht erhalten.

Den Werten zufolge schließe der Rechtsmediziner auf eine hohe Alkoholgewöhnung bei Oury Jalloh, rationales Handeln sei bei diesem trotz der Toxikation noch möglich gewesen. Kokain sei in Spuren von weniger als zehn Mikrogramm im Blutserum festgestellt worden. Da die Droge sehr schnell verstoffwechselt werde gehe Bohnert davon aus, dass der Verstorbene kurz vor dem Zeitpunkt seiner Festnahme diese noch konsumiert haben müsse und zum Zeitpunkt des Todes die Kombination mit Alkohol noch wirksam gewesen sei.

„Die Frage, wann jemand im Verlauf des Brands verstarb, stellt sich in anderen Fällen nicht.“

Das festgestellte Ödem in der Lunge deute daraufhin, dass es Einblutungen in der Lunge gegeben haben müsse. Ein Herzstillstand oder die Zerstörung der Lungenbläschen durch Brandgase seien dafür verantwortlich. Das Ausmaß der Verwässerung in der Lunge ergäbe keine Erkenntnis über die Dauer der Vitalität nach Brandausbruch. Die Untersuchungen in dem Fall seien so singulär, dass es nichts Vergleichbares dazu gäbe, gibt der Rechtsmediziner an. „Die Frage, wann jemand im Verlauf des Brands verstarb, stellt sich in anderen Fällen nicht.“, so Bohnert. Wissenschaftliche Defizite hinsichtlich Hitzetoduntersuchungen seien zusätzlich erschwerend. Eine Schädigung der Lunge zu Lebzeiten erfolge ausschließlich durch Brandgase, nicht durch die Hitzeeinwirkung, da diese durch die Verschleimungen der oberen Luftwege abgekühlt werde. Erst post mortem erfolge eine schädigende Hitzeeinwirkung der Lunge durch äußere Einwirkung auf den Thorax.

Die nicht lebensbedrohliche Kohlenmonoxidkonzentration im Blutserum Oury Jallohs spricht dafür, dass der Tod sehr rasch eingetreten sei und Jalloh zudem Raucher gewesen sei, so der 45-jährige Bohnert auf eine entsprechende Frage von Nebenklagevertreter Felix Isensee. Kein Ruß sei in der Lunge nur dann festzustellen, wenn die eingeatmete Luft gefiltert werden würde, beispielsweise durch ein Taschentuch, oder das Brandopfer mitten im Brandherd läge, wo der Ruß aufgrund der Thermik direkt nach oben abziehen würde.

„Das wüssten wir ja gerne, deshalb gibt es ja so seltsame Begriffe.”

Das vorgefundenen Hitzeschockprotein H5P70 sei ein Anzeichen für den organischen Reparaturvorgang innerhalb des Zellgewebes und sei demnach ein Hinweis für Vitalität. Ein Zusammenhang zwischen Temperatur und Einwirkdauer in Bezug auf die Produktion von H5P70 sei nicht möglich, da es dazu keine Erkenntnisse gäbe. Für eine sehr spannende Frage für eine oder mehrere Doktorarbeiten hält dies der Rechtsmediziner.

„Der wird ziehen und zerren, um weg zukommen.“

Nebenkläger Ullrich von Klinggräff will vom Sachverständigen wissen, was der plötzliche Todeseintritt bei Jalloh für den Körper bedeuten würde. „Das wüssten wir ja gerne, deshalb gibt es ja so seltsame Begriffe.”, nach dem Tod gäbe es keine Bewegungen mehr und die „Fechterstellung“, wie Jalloh gefunden worden sei, sei normal für Brandopfer, so Bohnert. Die Körperhaltung wie Jalloh gefunden worden sei, ließe keine Rückschlüsse auf Aktivitäten vor dem Tod zu. Die „Fechterstellung“ trete durch Zusammenziehen der Sehnen und Schrumpfung der Muskulatur ein. Beim Todeseintritt falle der Körper in sich zusammen, gibt der Rechtsmediziner zu Protokoll. Dass Jalloh soweit weg wie möglich vom Brandherd gefunden worden sei, sei eine normale Fluchtbewegung: „Der wird ziehen und zerren, um weg zukommen.“ „Der Tod ist ein Vorgang. Ob Jalloh beim Einatmen sofort tot war, ist nicht sagbar.“, so Bohnert.

„Eigentlich schon, würde ich jetzt annehmen.“

Der Grad der Alkoholisierung sage nichts über die medizinische Intoxikation aus. Das Verhalten Jallohs vor seinem Tod spreche für einen hochgradigen Erregungszustand sowie eine schwere Intoxikation im psychatrischen Sinne. Aus psychatrischer Sicht hätte er als Mediziner eine Fünf-Punkt-Fixierung bei gleichzeitiger medizinischer Sedierung mit Neuroleptika erwogen, um den Körper aus dem Erregungszustand zu holen. Medizinische Überwachung halte er für unerlässlich. Zudem würde er bei Fixierung immer nahelegen, eine Wachperson daneben zu setzen oder ständigen Blickkontakt via Kamera zu gewährleisten. Das sei je nach Praktikabilität zu entscheiden, die polizeilichen Möglichkeiten seien meist nicht darauf ausgelegt. Statistisch ginge das meistens gut. Ob dieses Wissen von einem Neurologen zu erwarten sein sollte, will Klinggräff wissen. „Eigentlich schon, würde ich jetzt annehmen.“, bejaht der Rechtsmediziner die Frage. Auf eine Frage des Oberstaatsanwalts Preissner gibt der 45-Jährige an, dass es das Wissen zur Ruhigstellung von hochgradig Erregten bereits mindestens seit seiner Ausbildung gäbe.

Wodurch ein Bewusstseinsverlust hervorgerufen worden sein könnte, möchte Oberstaatsanwalt Preissner von dem Mediziner wissen. Der Befragte führt aus, dass dies durch eine Intoxikation hervorgerufen werden könne – dies war zu dem Zeitpunkt allerdings nicht mehr gegeben. Einwirkung stumpfer Gewalt könne Ursache für Bewusstseinsverlust sein – wo der Nasenbeinbruch herstamme, sei gegenwärtig immer noch unklar. Erregung als Ursache, sei für den Mediziner eher unwahrscheinlich.

„Den genauen Zeitpunkt in einem solchen Zeitraum zu bestimmen, wird man kaum schaffen.“

Atilla Teuchtler, Verteidiger des Angeklagten Andreas S., hakt nochmal hinsichtlich der Vergleichbarkeit der Nachbrandversuche nach. Ein bewegungsfähiger Mensch hätte auf der Matratze Verwirbellungen der heißen Luft hervorgerufen, demnach würden die Ergebnisse mit den Dummys ein verändertes Bild wiedergeben. Der Rechtsmediziner betont nochmals, dass letztlich die Größe der Öffnung an der Matratze eine entscheidende Rolle spiele. Er selbst halte dennoch zwei Minuten als Zeitraum von Brandausbruch bis Todeseintritt für wahrscheinlich. „Den genauen Zeitpunkt in einem solchen Zeitraum zu bestimmen, wird man kaum schaffen.“, so der 45-Jährige. Die Streitigkeit bezüglich des Löschens mit ABC-Feuerlöschern interessiert Teuchtler noch. Der Freiburger Sachverständiger führt aus, dass es Mitteilungen gäbe, dass Menschen durch das Ablöschen mittels ABC-Feuerlöschern letztlich verstorben seien.

Die Zeitspanne von zwei Minuten „hängt aber von der Prämisse ab: große Öffnung in der Matratze?“, fragt Ullrich von Klinggräff. „Das ist richtig.“, so Bohnert. Nachdem der Sachverständige vom Gericht entlassen ist, wird der hallenser Rechtsmediziner Schiller, der im Publikum sitzt, kurz zu Angaben in den Untersuchungsprotokollen befragt. Die dort angegebene Menge Kokain, die im Blut festgestellt worden sei, wäre kleiner gewesen, als dass der Wert genau feststellbar sei.

„Dass wir dazu keine weitere Stellung nehmen, wird Sie nicht überraschen.“

In der letzten Pause diesen Tages wird seitens der Nebenklage noch eine Auflistung von noch einzuführender Schriftstücke offeriert. Sven Tamoschus, Verteidiger des Angeklagten Hans-Ulrich M., ist nicht einverstanden, dass bestimmte Protokolle hier öffentlich verlesen werden sollen. „Ich widerspreche trotzdem.“, verwehrt er sich der Meinung des vorsitzenden Richter Steinhoffs, der die Verlesung für statthaft hält. Dienstag werde die Staatsanwaltschaft plädieren. Regina Götz teilt mit, dass die Nebenklage am kommenden Freitag erst plädieren wolle, zusammen mit der Verteidigung. Am Montag, den 08. Dezember 2008, werde demnach das Urteil im vorliegenden Prozess gesprochen werden. Abschließend hakt Ullrich von Klinggräff beim Angeklagten M. nach, was hinsichtlich des Fragenkataloges sei, den die Nebenklage dem Angeklagten ausgehändigt habe. „Dass wir dazu keine weitere Stellung nehmen, wird Sie nicht überraschen.“, entgegnet Rechtsanwalt Tamoschus dazu abwehrend.

Prozessbeobachtergruppe: http://www.prozessouryjalloh.de

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